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FAZ.NET-Frühkritik: „Beckmann“ : In der Gerüchteküche

Ein durchtriebenes Opfer? Bettina Wulff wirft wieder Fragen auf Bild: Aleksander Perkovic/laif

Bei „Beckmann“ wollte man eigentlich auch über das wichtige Thema Rufmord im Internet diskutieren. Dann ging es leider wieder nur um eines: Bettina Wulff.

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          Nehmen wir einmal an, über Joachim Sauer, den Ehemann von Angela Merkel, kursierte das Gerücht, er wäre ein Playboy - in etwa so, wie Richard Gere in „American Gigolo“, wo er für Geld mit älteren Frauen ins Bett geht oder sie anderweitig bespaßt. Würden in einem solchen Fall die Erregungswogen ebenso hoch schlagen, wie sie es im Moment bei Bettina Wulff tun, über deren Buch „Jenseits des Protokolls“ die ganze Republik zu reden scheint?

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Was wie ein albernes Gedankenspiel klingt, wurde bei „Beckmann“, wo Ines Pohl von der taz, Ralf Wiegand von der Süddeutschen und der Journalist Hajo Schumacher beieinander saßen und sich über die Psyche der ehemaligen First Lady den Kopf zerbrachen, ernsthaft beleuchtet. Und selbstverständlich hakte die Runde auch all jene Fragen ab, die so oder so ähnlich seit Erscheinen des Buches immer wieder gestellt worden sind, als befänden wir uns immer noch mitten im Sommerloch: Warum wehrt sich Bettina Wulff ausgerechnet jetzt gegen das Gerücht, sie hätte eine Karriere als Prostituierte hinter sich? Warum hat sie Google und all die Blogger und Gerüchtestreuer denn nicht schon viel früher verklagt, schließlich sind die Verleumdungen nicht neu? Ist Bettina Wulff in Wahrheit womöglich irrsinnig durchtrieben, geradezu geschäftstüchtig, und will mit ihrem Buch nur sehr viel Geld verdienen? Ja, passt es denn überhaupt zusammen, dass sie einerseits behauptet, sie wolle ihre Kinder vor dem medialen Getöse schützen, andererseits jeden Tag aufs Neue von irgendeinem Zeitschriftencover entgegen lächelt?

          Der Titel der Sendung hieß übrigens: „Der Fall Wulff – Rufmord und Verleumdung im Internet“. Ein ernstes, ein wichtiges Thema, das Reinhold Beckmann und seine Gäste der ersten Runde leider wegquatschten, als würden sie in der Kaffeküche stehen und den neusten Klatsch austauschen. Jedenfalls war man erleichtert, als Beckmann die drei nach vierzig Minuten wieder verabschiedete – und man war gleichzeitig enttäuscht, weil Sylvia Hamacher, selbst Cybermobbing-Opfer, Thomas Sonnenburg (Sozialpädagoge) und Christian Scherg (Internet-Berater) nun nur noch zwanzig Minuten blieben, um an die Brisanz des eigentlichen Themas zu erinnern.

          Noch nie war es so leicht, einen Ruf zu zerstören

          Mobbing, egal, ob es in der Schule oder im beruflichen Umfeld stattfinden, ist brutal. Das Internet hat es um eine Dimension erweitert, gegen die wir noch immer völlig machtlos sind. Einen Ruf zu zerstören war noch nie so leicht wie heute, und es ging auch noch nie so schnell. Was das bedeutet, hat Sylvia Hamacher vor einigen Jahren an eigenem Leib erleben müssen. Mit vierzehn wurde sie zur Zielscheibe ihrer Mitschüler, auf dem Pausenhof und im Internet. Fett, dumm, arrogant sei sie und ihr Charakter durch und durch mies. So klangen die harmloseren Beschimpfungen, denen sie jeden Tag ausgesetzt gewesen ist. Weniger harmlos war die Behauptung, sie sei leicht zu haben, ein Flittchen sozusagen.

          Während einer Klassenreise nach England eskalierte die Situation schließlich, denn auch an der Gastschule wurde das Gerücht gezielt gestreut. Und plötzlich, zwischen zwei Unterrichtsstunden, bildeten ein paar Jungs einen Kreis um Sylvia Hamacher und pöbelten sie an. Was darüber hinaus geschah, wollte die junge Frau nicht erzählen, aber das musste sie auch gar nicht. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte sie nicht die Schule gewechselt.

          Auch Thomas Sonnenburg stand einmal auf der Opferseite, und auch er hat wieder einen Weg hinaus gefunden. Vielen aber gelingt das nicht und manche nehmen sich sogar das Leben. Was also kann man wirklich gegen Mobbing im Netz tun? Wer kann den Betroffenen helfen? Und wie kann jungen Menschen, die mit dem Internet aufwachsen, klar gemacht werden, dass das, was vielleicht als böser Scherz gedacht war, im Netz eine verheerende Dynamik entfalten kann, die nicht mehr zu stoppen ist? Dummerweise blieb für solche Fragen keine Zeit mehr.

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