https://www.faz.net/-gqz-6zaep

FAZ.NET-Frühkritik: „Beckmann“ : Die Wunden reißen auf

  • -Aktualisiert am

Kein politischer Attentäter, sondern schizophren? Breivik im Gerichtssaal Bild: dpa

Das wird der schwerste Tag, heißt es in Oslo. Am Vorabend des fünften Prozesstages redete „Beckmann“ über den Prozess gegen einen Massenmörder – bis von Breivik, dem politischen Terroristen, nichts mehr übrig war.

          Das wird der schwerste Tag, heißt es: der Freitag in Oslo. Schon der Montag war für die Norweger schwer, als Breivik vor den Kameras posierte wie ein Sieger. Der Dienstag, als er seine Erklärung verlas. Der Mittwoch, als er weiter lächelte. Und der Donnerstag, an dem er mit so krassen, völlig entmenschlichten Worten von der Planung der Anschläge berichtete, dass die norwegischen Berichterstatter anschließend Sätze in die Mikrofone sagten wie „Das ist das Heftigste, das ich jemals hörte“ und „Das ist so fern von dem Wirklichkeitsbewusstsein anderer Menschen, wie man sich nur denken kann.“

          Wie soll da erst der Freitag werden: der Tag, an dem Breivik vor Gericht zu den Morden im Ferienlager auf Utøya aussagen soll? Breiviks Verteidiger Geir Lippestad sagte am Donnerstag auf der Pressekonferenz: „Wer die Berichterstattung schon jetzt über hat, sollte morgen um Himmels Willen den Fernseher ausmachen.“ Während der staatliche Sender NRK, der mit keineswegs naiven Argumenten das Recht einfordert, bei den kommenden Zeugenaussagen gegen Breivik zumindest das Gesicht des Täters zeigen zu dürfen, auf seiner Aufmacherseite im Internet eine Bemerkung der Nebenkläger zitierte: „Es ist, als würden die Wunden aufgerissen.“ Eine aufgewühlte, sich durch diesen Prozess wie durch einen Sturm kämpfende Nation.

          Die Sendung gelang besser als erwartet

          In Hamburg betraten unterdessen fünf Gäste das Fernsehstudio von Reinhold Beckmann: die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, die den Breivik-Prozess für den „Spiegel“ verfolgt. Der norwegische Schriftsteller Erik Fosnes Hansen, der Breivik in einem Essay als „Narr auf Speed“ bezeichnet hatte. Zudem Frank Urbaniok, Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes im Amt für Justizvollzug Zürich, sowie der pensionierte Richter Heinrich Gehrke und die Ethiklehrerin Gisela Mayer, deren Tochter 2009 beim Amoklauf in Winnenden ums Leben kam. „Gibt es eine gerechte Strafe für einen Massenmörder?“ hatte die Redaktion als Leitfrage formuliert, als könne man aus diesem Thema nicht eine ganze rechtsphilosophische Ringvorlesung machen.

          Trotzdem war die Sendung besser als erwartet. Denn zwar schien der Amoklauf von Winnenden, bei dem ein junger Täter 15 Jugendliche erschossen hatte, als Einordnungshilfe etwas viel Raum einzunehmen; da hätte man doch lieber mehr von Norwegen gehört, zumal Erik Fosnes Hansen, der den 22. Juli im Urlaub an der Seite des sozialdemokratischen Wirtschaftsministers Trond Giske erlebte (und mit dem „Löwenmädchen“ einen Roman über das Ausgegrenztsein schrieb), von Norwegens Umgang mit Anschlag und Prozess auch gerne mehr erzählt hätte. Gleichwohl waren die Gäste dieses Abends in der Lage, die Fragen, mit denen wir das Geschehen in Oslo aus der Distanz verfolgen, noch einmal in aller nächtlichen Ruhe auszubreiten, auch die nach dem norwegischen Rechtssystem und den Motiven eines Mannes, der sich trotz aller martialischen Selbstinszenierung, so sagte es Gisela Friedrichsen, vor Gericht zunehmend als „ganz armes Würstchen“ und „Loser“ erweist.

          Reinhold Beckmann moderiert „Beckmann“.

          Ist Breivik überhaupt der politische Terrorist, als der er beschrieben werden möchte? „Das glaub ich nicht“, sagte Frau Friedrichsen, die den Auftritt des Täters als „gespenstisch“ beschrieb. Breivik wirke auf sie eher wie ein Mensch, der nach Aufmerksamkeit und Berühmtheit giere: „Ich weiß nicht, ob er tatsächlich die Absicht hatte, die Gesellschaft zu destabilisieren.“ Ähnlich sagte es auch der Psychiater, dessen aufgeräumte Erläuterungen die Sendung trugen: Derselbe Breivik, der sich der Welt als militanter Anti-Islamist präsentiere, wäre „in einem anderen Kontext“ ein glühender Verfechter des Islams. Die Dinge sind austauschbar. Ein Grund mehr, diesem Mann nicht auch noch eine große Bühne zu bereiten, meinte Gisela Mayer.

          Psychiater: Diagnose „paranoide Schizophrenie“ plausibel

          Ob Breivik am Ende schlichtweg krank ist? Dafür gäbe es Anzeichen, erklärte der forensische Psychiater, der das erste der beiden psychiatrischen Gutachten zu Breivik kennt und die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ für plausibel hält. Trotzdem wollte sich Urbaniok der Schlussfolgerung des umstrittenen Gutachters nicht anschließen. Auch ein derartig erkrankter Mensch könne noch Entscheidungsspielräume haben, und bei Breivik spreche vieles dafür, dass er noch am 22. Juli flexibel und nach einem komplexen Plan gehandelt habe. In einem Interview mit dem „Tagesanzeiger“ hatte Urbaniok unlängst von einer wohl „verminderten, aber nicht völlig aufgehobenen Schuldfähigkeit“ Breiviks gesprochen.

          Der Streit der Gutachter macht die ohnehin schwere Sache für die Richter („Ich habe das nicht ganz nachvollziehen können, wie man hier zu einem zweiten Gutachten gekommen ist“, sagte Gehrke) bei der Urteilsfindung nicht gerade leichter. Wie sagte das noch Ministerpräsident Jens Stoltenberg in einer Talkshow, kurz vor Prozessbeginn: „Wenn das Gericht ihn für gesund erklärt, und nur das Gericht kann das entscheiden, dann ist das für die meisten Menschen eine große Erleichterung […] Für die Opfer ist es besser, wenn er für zurechnungsfähig erklärt wird.“

          Doch was, wenn nicht? Der Druck der Öffentlichkeit ist enorm, so professionell das unabhängige Gericht Breivik in den ersten Prozesstagen auch entgegentritt. Unterdessen scheint der Attentäter  sein Auftreten der Zeitungslektüre anzupassen, seit sie ihm erlaubt ist. Das jedenfalls beobachtet Erik Fosnes Hansen, was im Klartext bedeuten könnte, dass der Breivik vom Sommer mit dem Breivik von heute nur noch schwer zu vergleichen ist. Davon, dass der Mörder von insgesamt 77 Menschen die Freiheit nicht mehr erblicken werde, ob zurechnungsfähig oder nicht, schien der Schriftsteller trotz des liberalen norwegischen Rechtssystems felsenfest überzeugt zu sein.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Kultur willkommen

          Meineckes Amerika-Bild : Kultur willkommen

          Zur Dreihundertjahrfeier der Harvard Universität reiste der Historiker Friedrich Meinecke 1936 nach Amerika. Ein Reisebericht aus dem Privatarchiv hält das ungewöhnliche Aufeinandertreffen zweier Kulturen fest.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.