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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Selbstbestimmt beschneiden

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Die religiöse Neutralisierung von Argumenten

Hatte sich Putzke noch eher zu Beginn der Debatte in anderen Interviews Selbstbeschränkungen auferlegt und erklärt, er begebe sich nicht auf das Gebiet der Religion, so widersprach er nun dem in Jerusalem geborenen Berliner Rabbi Yitshak Ehrenberg hartnäckig, als der das Urteil des Landgerichts Köln als „Tötung des Judentums“ in Deutschland bezeichnete und erläuterte, dass es für das Judentum keinen Weg gäbe, das Beschneidungsgebot zu umgehen, weil die Beschneidung keine Erfindung der Menschen, sondern ein Auftrag Gottes sei und damit gar nicht menschlicher Dispositionsbefugnis unterstehe.

Die religiöse Neutralisierung von Argumenten durch Verweis auf Gottes Wort erscheint bedenklich, weil sich mit ihr alles begründen ließe. Indem Putzke aber die konstituierende Bedeutung der Beschneidung für Islam und Judentum ignoriert und als wenig beachtlich einstuft, vernachlässigt er die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, die im Rahmen der Religionsfreiheit auf das Selbstverständnis der Glaubensgemeinschaften abstellt, die ihre Überzeugungen zwar gegebenenfalls nachvollziehbar darlegen müssen, die dafür aber von einer Bewertung dieser Glaubenserkenntnis durch den Staat verschont bleiben.

Der in diesen Disput freundlich und zurückhaltend auftretende Rabbiner hatte aber, wie er mehrfach betonte, ohnehin nicht vor, sich auf eine Diskussion über Beschneidung einzulassen. Anders als Khola Maryam Hübsch, die versuchte ihre drei Opponenten mit den Waffen ihrer eigenen Diskurse zu schlagen, hatte es sich der Rabbi zur Aufgabe gemacht, dem christlich geprägten deutschen Publikum eine orthodox geprägte Sicht auf die Beschneidung zu erläutern und ihm die fundamentale Bedeutung dieses Aktes, den er auch lieber von traditionellen Beschneidern als von Ärzten vollzogen wissen will, darzustellen: „Die Beschneidung gehört nicht ins Jüdische Krankenhaus, sie gehört in die Synagoge.“ Dort wird sie jetzt wohl auch immer häufiger Platz finden und man darf gespannt sein, ob und wann die erste deutsche Staatsanwaltschaft hier versuchen wird, einen Tatort sichern zu lassen und Anklage gegen den Mohel und die Eltern des beschnittenen Jungen zu erheben.

Es war ein matter, leise zwischendurch gesprochener Satz des Strafrechtsprofessors Holm Putzke: „Ich finde auch, das Strafrecht ist das falsche Instrument.“ Das hätte ein Ansatz für eine Diskussion sein können: Was wäre ein besseres Instrument? Und wofür überhaupt? Aber keiner von den anderen Gästen griff den Gedanken auf und auch Putzke selbst schwieg sich im Folgenden dazu aus. Dabei wäre genau das eine der interessanteren Fragen gewesen: wie und mit welchem Ziel kann und soll eine Verständigung über Religion und ihre Ausübung in einer säkularen Gesellschaft stattfinden, in der Kirchen gleichwohl eine wichtige Rolle einnehmen?

Eine Anmerkung zum Schluss erscheint mir noch wichtig: Gerade bei Debatten wie der über Beschneidung würde es Sendungen einen Gewinn bringen, wenn sie nicht ganz so stereotyp besetzt würden. Die Position „pro Beschneidung“ sollen ein Rabbi und eine Muslima vertreten und so signalisieren, dass es sich hier wesentlich um ein Problem der Betroffenen handelt. Auf der Gegenseite sitzen dann Experten und zu Bewusstsein gekommene ehemalige Betroffene. So sind die Positionen vorhersehbar und stets klar erklärbar. Fragt sich, warum jemand wie Heiner Bielefeldt, der als international anerkannter Menschenrechtsexperte und UN-Sonderbeauftragter zu Religionsfreiheit vielleicht auch unerwartete Perspektiven in der Debatte eröffnen könnte, außen vor blieb oder auch andere Experten, die dem Kölner Urteil kritisch gegenüber stehen.

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