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FAZ.NET-Frühkritik „Anne Will“ : Gebt dem Wunder Zunder

Anne Will Bild: dpa

In Deutschland sinkt mitten in der Krise die Zahl der Arbeitslosen. Wem ist das zu verdanken? Und was müssen wir fürchten? Bei Anne Will gab es zwar keine Antworten darauf, aber reichlich weitere Arbeit für Welterklärer.

          3 Min.

          So sieht eine televisionäre Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus: Gestern am Spätabend begrüßte Anne Will in ihrer Talkshow gleich sechs Gäste, um mit Ihnen über ein Phänomen zu diskutieren, das als deutsches Jobwunder bezeichnet wird. In der Tat, wir hören allenthalben von der Krise, von einem schwierigen Jahr, das der Wirtschaft bevorstehe, von Rezession und Sparprogrammen, und doch gab es nie mehr Beschäftigte in Deutschland als heute, war der Dezember 2011 dank der Zunahme an Beschäftigten der steuerstärkste Monat, den der Staat bislang erleben durfte, und während nahezu überall sonst in den Industrieländern die Arbeitslosigkeit wächst, nimmt sie bei uns ab. Juhu, juhu, juhu!

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch wären wir keine ernstzunehmenden Deutschen, wenn wir nicht noch in den schönsten Nachrichten einen Wermutstropfen, ach was: eine Wermutsflut finden würden. Niedriglöhne, kaschierte Verelendung, Wohlstandsschere und dergleichen mehr sollen die Nebenfolgen der gepriesenen Entwicklung sein. Buhu, buhu, buhu!

          Also gar kein rechter Grund zur Freude? Oder doch? Darüber stritt bei Anne Will jenes erwähnte halbe Dutzend Fernseh-Nachtschichtler, bestehend aus der ehemaligen SPD-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin, der Betriebsrätin der insolventen Schlecker-Ladengruppe, Mona Frias, dem Einzelhandelslobbyisten Nils Busch-Petersen, dem Publizisten, Kabarettisten und Kapitalismuskritiker Peter Zudeick, dem Mittelstandspropagandisten Oswald Metzger (CDU, ehedem Grüne) und aus Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft. Wenn man die Stellenbeschreibungen der sechs Teilnehmer richtig interpretierte, dufte man ein zahlenmäßiges Patt in der Sendung erwarten.

          Alle arbeiten wie Tiere, aber keiner wird gut bezahlt

          Argumentativ indes konnte von Gleichstand keine Rede sein. „Unten schuften, oben kassieren“ – so lautete der Obertitel der Runde, und erstaunlicherweise hatte es nicht einmal für ein einschränkendes Fragezeichen gelangt. Aber wenn man eine Malocherin wie Mona Frias in der Sendung hat, die stark berlinernd für die Schlecker-Belegschaft in den Filialen der Hauptstadt kämpft, dann ist das Schuften schon mal schön anschaulich gemacht. Allerdings war der Schwung von Frau Frias nach einer Viertelstunde verloren. Auch ein Teilzeitmodell.

          Herta Däubler-Gmelin
          Herta Däubler-Gmelin : Bild: dpa

          Zum Kassieren wollte sich in der Runde keiner offen bekennen. Das ist ja das Verblüffende in Deutschland: Alle arbeiten wie Tiere, aber keiner wird gut bezahlt. Zumindest muss man diese Folgerung ziehen, wenn man die Menschen reden hört. Und erstaunlicherweise sind die meisten auch noch stolz darauf. Und neidisch auf die anderen. Das zeigte der Szenenapplaus des Publikums während der Sendung. Obwohl man den gar nicht ernst nehmen sollte, denn auch die „Einspieler“, jene talkshowtypischen Häppchenfilmchen (anders als im verdoppelten Diminutiv kann man es gar nicht ausdrücken), wurden im Saal beklatscht, als wären es ästhetische oder argumentative Offenbarungen.

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