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FAZ.NET-Frühkritik: Anne Will : Das ist doch alles großer Blödsinn

Weizsäckers Friedrich II., von ihm durchgängig als „der Alte Fritz“ apostrophiert, soll keine Vorbildfunktion mehr haben und darf deshalb nun erst recht Legendenfigur sein. Nebenbei nannte Weizsäcker Friedrich einen „auf seinen Ruhm bedachten Monarchen“ – und alle Züge des Porträts bewiesen, mit wie nachhaltigem Erfolg der König seinen Ruhm organisiert hat. Hübsch immerhin Weizsäckers Übersetzung des Büchmann-Satzes von den Gazetten, die nicht genieret werden sollen: „Man soll es mit der Kontrolle der Medien nicht so furchtbar weit treiben – stellen Sie sich vor, was er heute zu sagen hätte!“

Menzels Friedrich in Weizsäckers Alter

Friedrich, von Freund Kant zum König des achtzehnten Jahrhunderts „ernannt“, habe „eine Sache gemacht, vor der man nur den Hut ziehen kann“, nämlich „die Aufklärung vorangetrieben“. Der friderizianischen Staatsreform unterschob Weizsäcker einen liberalen, antietatistischen Zweck: „Jeder sollte seinen eigenen Weg finden und ihn nicht mehr vorgeschrieben bekommen.“

Dass Anne Will die Aufklärung von oben durchaus in Übereinstimmung mit der sozialhistorischen Forschung zur Beamtenschaft und zu den Wirkungen der Philosophie Christian Wolffs als preußisches Projekt charakterisierte, verbat Weizsäcker sich zornig: Die Tat dieses einzelnen Menschen sei das gewesen!

Nach innen habe Friedrich den Staat in eine Rechtsordnung verwandeln wollen, nach außen habe er nicht etwa die Zerstörung der österreichischen Großmacht angestrebt, sondern mit seinen Kriegen Preußen lediglich „arrondieren“ wollen. Die Einsicht in die „die Notwendigkeit der Aufklärung“ habe Friedrich, so Weizsäcker weiter im Stil des liberalen Borussianismus der Reichsgründungsepoche, zwangsläufig den Konflikt mit den „großen katholischen Mächten“ suchen lassen.

Welche Quellen stützen dieses Friedrich-Bild? Man müsse doch nur Adolph von Menzels Bild der Begegnung Friedrichs mit Joseph II. betrachten! Der junge Kaiser „betet ihn an“, den alten König, vom Maler „fast schon in meinem Alter“ dargestellt; der Sohn der Erzfeindin „dankt ihm dafür, dass er die Aufklärung zur Maxime gemacht hat“.

Die verhinderte Revolution

Zur Entgeisterung der übrigen Gäste, die ihn allerdings nicht aus dem Konzept brachte („Warum schütteln Sie denn schon den Kopf?“), bekräftigte Weizsäcker sogar den Lieblingsgedanken der staatsfrommen, antidemokatischen nationalliberalen Historiker, dass Friedrichs Reformen den Deutschen eine Revolution im französischen Stil erspart hätten. Als aufgeklärter Absolutist habe Friedrich keine Berater aus den Kirchen gebrauchen können – erklärte der Mann, der über das Präsidium des evangelischen Kirchentages und die Netzwerke des protestantischen Bildungsbürgertums in die Politik gefunden hat.

Als Anne Will nach Ernst von Weizsäcker fragte, dem Staatssekretär unter Ribbentrop, hätte der Sohn dann doch eher noch etwas zu Wulff gesagt. Wenn Richard von Weizsäcker seine Bilanz der deutschen Geschichte zieht, dann läuft immer alles darauf hinaus, wie die Deutschen hätten einsehen müssen, dass ihre Nachbarn ein starkes Deutschland nicht ertragen könnten.

In diesem Geschichtsbild kommen die Handlungen von Staatsmännern, Staatssekretären und Staatsoberhäuptern gar nicht vor. Auch die Arrondierungspolitik auf Kosten des Völkerrechts diente im Rückblick der geopolitischen Selbsterkenntnis. So kommt es über die Zeiten zur Identifikation ohne den kleinbürgerlichen Kult des Vorbilds. Weizsäcker stützt sich auf seinen Stock, als säße er Modell: schon nicht mehr Helmut Schmidt, schon ganz – der Alte Fritz.

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