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FAZ.NET-Fernsehkritik : Will Jauch ins Erste?

  • Aktualisiert am

Kann Sendungen am Stück wegmoderieren: Günther Jauch Bild: ddp

Der Jahresrückblick von Günther Jauch bei RTL war eine der langweiligsten Sendungen des Jahres. Mehr als drei Stunden vergeudete Lebenszeit. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, warum die ARD Anfang des Jahres Jauch unbedingt als Nachfolger von Sabine Christiansen haben wollte. Von Michael Hanfeld.

          Wissen Sie, was ein „Brustmuskelzucker“ ist? Klingt nach eine Sonderform von Diabetes? Oder einer unlösbaren Verspannung? Die Zuschauer von Thomas Gottschalks „Wetten, dass . . ?“-Sendung wissen es besser: Die „Brustmuskelzucker“ sind zwei Bodybuilder, die mit ihren Brustmuskeln derart zu verschiedenen Melodien „zucken“ können, dass ein Dritter im Bunde beim Blick auf ihre bewegten Oberkörper den Titel errät, sei es „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens oder „Another one bites the dust“ von Queen.

          Wie das funktioniert, das haben die drei inzwischen schon in China demonstriert. Wie es nicht funktioniert, das hat Günther Jauch am Sonntag bei RTL gezeigt. Da saß er mit der Sat.1-Komödiantin Cordula Stratmann und hatte nur fünf Titel zur Auswahl, die per Muskelpaketbewegung angezeigt wurden, und - tippte zielsicher immer daneben. Rhythmusgefühl scheint nicht seine Stärke zu sein.

          Prinzip: „Am laufenden Band“

          Zu Jauchs Stärken zählt gleichwohl, dass er - wie Kollege Kerner beim ZDF oder Pilawa in der ARD - die Sendungen am Stück nur so wegmoderiert. Ungerührt und nicht geschüttelt: Licht an, Kulisse auf, Gast rein, Shakehands, Smalltalk in drei Minuten, Gast raus, Musik, der Nächste bitte. Es ist schade, dass Rudi Carell das nicht mehr erleben kann. Was bei ihm ein Spiel war - in der Show „Am laufenden Band“ - ist zum Sendeprinzip geworden. Und das gilt nicht nur für den langen, langen, langen Sonntagabend mit Günther Jauch.

          Also kommen Heiner Brandt und Henning Fritz, und alle im Publikum kleben sich einen schwarzen Schnauzer aus Pappe über die Lippen, um an die Handball-WM zu erinnern. Sodann fläzen sich Dieter Bohlen und Mark Medlock in die Sessel und schwärmen in sanft-schwülen Fliederfrühlingstönen von ihrer Zusammenarbeit. Bohlen sagt: „Er sagte: Du bist mein Mann.“ Das Publikum kichert. Medlock wundert sich, warum Jauch ihn immer noch siezt, Jauch lenkt ein: „Mer Drecksäck‘ müsse zusammehalte.“

          „Wenig Dinge, die falsch gelaufen sind“

          Franz Müntefering hat nur kurz Zeit zu erzählen, wie das ist, wenn man von einem Moment auf den anderen aller Macht und Aufmerksamkeit beraubt ist und - das war bei seinem Abschied aus dem Amt - mit einem von der Kanzlerin verschenkten Fußball vor einem Bild herumkickt, das eine Million Euro wert ist.

          Florian Henckel von Donnersmarck sitzt mit Jauch in einem nachgebauten Kinosessel, der ihm aber leider viel zu klein ist. Maria Furtwängler ist einmal mehr die kokette Bescheidenheit selbst: „Das einzige, was ich wirklich gelernt habe, ist Medizin.“ Noch bevor jemand zustimmen kann, hat Jauch sie aber wechselweise als „beste“, „beliebteste“ und „erfolgreichste“ deutsche Schauspielerin vorgestellt. Fehlte nur noch der Zusatz: „größte“ oder „aller Zeiten“ oder „seit Menschengedenken“. Der Turnweltmeister Fabian Hambüchen zeigt derweil, dass er auch als Breakdancer beste Haltungsnoten verdient. Harald Schmidt und Oliver Pocher zeigen, warum ihre Quoten im Ersten in den Keller gehen - kein Gag, nirgends. Und um knapp viertel nach elf taucht endlich Henry Maske auf, um in seiner charismafreien Art zu erzählen, was ihm sein großer Rück-Kampf gegen Virgil Hill im Jahr 2007 bedeutete: „Es waren wenige Dinge, die falsch gelaufen sind.“ Was für ein Fazit.

          Kaum Platz für schlechte Nachrichten

          Dazwischen tauchen - zum Stimmungswechsel - Menschen auf, die 2007 etwas Besonderes geleistet haben oder denen etwas Außergewöhnliches widerfahren ist. Nur hier ist Platz für schlechte Nachrichten, etwa wenn der für zweieinhalb Monate in Afghanistan entführte Ingenieur erzählt oder zwei junge Männer, welche die absturznahe Notlandung eines Flugzeugs in Thailand überlebt haben. Zum Schluss - nachdem er seine zwei Dutzend Gäste jedes Mal routiniert mit „und dann danken wir Ihnen“ oder „und dann wünschen wir Ihnen“ hinauskomplimentiert hat - sitzt ein junges Paar vor Jauch. Er Deutscher, sie Kambodschanerin, es war Liebe auf den dritten Blick, sie ist HIV-positiv, jetzt erwarten sie ein Kind, im Februar ist es soweit, der Kleine soll Felix heißen - woraufhin Jauch zwei Strampelanzüge und einen sprechenden Teddy-Bären verschenkt. Das war „2007“ bei RTL - eine der langweiligsten Sendungen des Jahres. Mehr als drei Stunden vergeudete Lebenszeit.

          Epilog: Wollte man die ARD-Gäste in seiner Show als Indiz nicht nur dafür nehmen, dass RTL nicht genügend Fernsehereignisse schafft, um damit eine Jahresendshow zu füllen, könnte man nun das Magazin „Focus“ zitieren, das berichtet, Günther Jauch produziere eine neue Tier-Doku für die ARD. Und die Spitzen von NDR und WDR hätten den Gesprächsfaden zu ihm nie abreißen lassen - seit er Anfang des Jahres die geplante Nachfolge von Sabine Christiansen im Ersten doch noch absagte. Das war eines der bemerkenswerteren Ereignisse des Jahres 2007 - zumindest in der Medienbranche. Elf Monate später allerdings kann man sich nach einem solchen Sonntagabend gar nicht mehr vorstellen, warum die Intendanten damals überhaupt solche Verrenkungen gemacht haben, Jauch zu holen. Für ereignislose Stunden der Fernsehunterhaltung haben sie schließlich schon Pilawa. Und der verzichtet wenigstens auf Anzüge in dunkel-beige, um nicht zu sagen braun, die Jauch offenbar gerne trägt. Andererseits hat das Erste ja auch Pocher und Maischberger verpflichtet.

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