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FAZ.NET-Fernsehkritik: Helge Schneider : Bombe aus Wurst

  • -Aktualisiert am

„Helge hat Zeit“ ist die neue Show von Helge Schneider. Doch leider weicht Helge Schneider als Talkmaster völlig vom eigenen Konzept ab. Bild: WDR/Oliver Heisch

Totgeburt im Kölner Stadtgarten: Helge Schneiders eigene Fernsehshow ist an Langeweile und Witzlosigkeit kaum zu überbieten. Allein die Musik hat Potential.

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          Endlich Ruhe! Das war die Hoffnung, und keine geringe. Schließlich ist alles hunderttausendfach gesagt, haben wir längst das Ende des Fernsehens erreicht, den absoluten Sendeschluss. Nur hat es bislang keiner gewagt, sich im Innern dieses Apparates genüsslich zurückzulehnen und diese eine, finale Botschaft in aller Klarheit auszustrahlen: Wir sind durch. Es hat sich ausgetalkt. Hier ist das letzte Testbild. Wie gesagt: bislang. Doch jetzt würde einer kommen und diese hysterische Anstalt mit leerer Zeit zupappen: Helge Schneider, der Kauz gewordene Gegenschall. Er würde in diesem Medium, das er bislang weitgehend gemieden hat – sieht man von einigen Late-Night-Besuchen und einem kuriosen Vorspiel an der Seite Reinhold Beckmanns vor zwei Jahrzehnten ab – Ruhe verbreiten, endlich Ruhe. Ein Endzeitprophet. Die „Akopalüze“ des Fernsehens. Das war die Hoffnung.

          Ultimativ genährt wurde sie durch den Auftritt Helge Schneiders in der Premierensendung von Kurt Krömers neuer Late-Night-Show vor einigen Wochen. Helge Schneiders Kommentar zur Sendung, zur Weltlage, zu allen Fernsehfragen überhaupt war ein Bäuerchen. Neben diesem alles missachtenden, lautstark schweigenden Gast überkam auch den Hektiker Krömer eine selige Ruhe. Nur noch Lümmeln gab es plötzlich, Erdnussflips, Bier, sinnlose Satzfetzen und Egalheit, eine unendliche Egalheit. Die Erlösung schien nahe. Selbst Gregor Gysi, dieser dauerpfeifende Teekessel, der zappeligste von allen Politfernsehpromiclowns, kam gegen diesen Triumph des Lethargischen nicht an, wurde, als er sich in näselnd-jovialer Gysi-Art noch einmal plaudernd heranwanzen und die Diskurshoheit zurückholen wollte, kurzerhand K.o. geschlagen: „Gregor, du bist so ein Schleimer!“ Erstmals seit langer Zeit wusste Gysi keine Antwort. Kurz schien hier das große Nichts auf, ein Lied noch, das keines war, einhändig gespielt, einzeilig, einsargend. Deckel drauf. Fertig.

          So wollen wir ihn sehen: als Fehler im System

          Nun also sollte Helge Schneiders eigene Show im WDR starten, die all dies auf die Spitze zu treiben versprach. „Helge hat Zeit“: ein fast genialer Titel, denn in erster Linie ist es das rigide Zeitmanagement, das die Telemedien prägt und plagt. Die ersten Sekunden der Sendung sind denn auch tatsächlich vielversprechend: Der Gastgeber, wenngleich eigenartig adrett, lehnt auf einem dicken Kissen in einem offenen Fenster, hat sichtlich nichts zu tun, keine Eile und kein Interesse. So will man ihn sehen, als Fehler im System. Dann geht es hinüber ins zugerümpelte, sympathische Studio, den Kölner Stadtgarten – eine Institution für anspruchsvolle Musik! –, und auch das folgende Jazz-Intro, bei dem der Maestro synchron Klavier und Trompete spielt, ist überzeugend, wie überhaupt alle musikalischen Einlagen der Show.

          Doch dann folgt ein Sturz, für den sich Ikarus nicht zu schämen brauchte. Helge Schneider, dem alles erlaubt wäre im deutschen Fernsehen, der sich jede Verweigerung leisten dürfte und dafür geliebt würde, er hat, das wird gleich beim ersten Gast klar, den einen, einzigen Fehler tatsächlich begangen: Er will ein echter Gastgeber, schlimmer noch: Talk-Master sein. Er möchte mit seinen Gästen über wirkliche Themen reden, aber das soll, eine Unmöglichkeit, zugleich spontan und gewitzt antikomisch herüberkommen. Die Schriftstellerin Sibylle Berg ist dieser erste Gast, das erste Opfer. Zunächst bringt ein livrierter Teekoch unter blödelnden Kommentaren Schneiders Tee – schon das wie in den billigsten Witzshows –, wobei Berg vorlegt: Bei ihr zuhause seien die Teeköche nackt, „mit großen Dödels“. Helge Schneider ist perplex, reagieren kann er nicht. Bald geht es darum, dass „jeder irgendwie ein Arschloch“ ist. Nun ja.

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