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FAZ.NET-Fernsehkritik: Günther Jauch : Crossmediales Agenda-Setting

  • -Aktualisiert am

Das Agenda-Setting bewegte sich bei Günther Jauch auf bescheidenerem Niveau. Bild: DPA

Günther Jauch hat sich am Sonntagabend mit Aldi beschäftigt. Klar ist: Es haben wohl nicht nur die Mitarbeiter ein Problem in dem Konzern. Nur war das kein Thema.

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          Am Ende der Sendung ging es hoch her. Günter Jauch konnte sich die Frage nicht verkneifen, was denn von den neuen Erkenntnissen zum Thema „Stasi“ und „Günter Wallraff“ zu halten sei. Zum Glück war zwar nicht die „Stasi“, aber Günter Wallraff zu Gast. Er lebt noch in der guten alten Zeit, wo die Welt so überschaubar gewesen ist. Oder sagt man heute besser transparent? Auf jeden Fall war Wallraff schwer empört über diese Frage. Jauch wolle sich damit wohl bei der „Springer-Presse anbiedern“.

          Nun wissen wir nicht, ob die Kollegen der „Bild“ diese Sendung gesehen haben, aber einem Medienmacher wie Axel Springer wäre am Sonntagabend sicherlich etwas anderes aufgefallen als die uralten Geschichten von 14/18 oder Wallraffs Stasi-Kontakte 68/71. Alle Zahlen beziehen sich auf Ereignisse im 20. Jahrhundert. Wandelt Jauch auf Kai Diekmanns Spuren, seines Zeichens Bild-Chefredakteur? Crossmediales Agenda-Setting?

          Voyeurismus aktiviert

          In der vergangenen Woche war Samuel Koch zu Gast: Mit seinem neuem Buch und dem „Bild“-Vorabdruck im Gepäck. Diese Woche stand ein neues Buch über einen Einzelhändler namens Aldi, eine „Spiegel“-Titelgeschichte – und wieder eine Sendung mit Günter Jauch auf dem Programm. So ein Zufall aber auch. Anbiedern bei der Springer-Presse? Das ist nur noch relevant für alte Herren und Historiker, die gerne in verstaubten Akten wühlen.

          Heute schaut man lieber den Damen in das Dekolleté. Der „Spiegel“ promotete nämlich seine Titelgeschichte – und die Sendung von Jauch – in seinem Internetauftritt mit den tiefen Einblicken von Aldi-Süd Mitarbeitern mittels moderner Videotechnik: „Das Interesse der Filialleiter weckten demnach vor allem Frauen in kurzen Röcken oder mit ausgeschnittenen Tops“, so ließ man den Leser wissen, und zwar „sobald sie sich über Kühltheken beugten oder vor Regalen bückten“. Die CDs dieses Videomaterials hätten die Filialleiter anschließend untereinander getauscht. Der entsprechende Einspieler war bei Jauch allerdings nicht zu sehen. Mit crossmedialen Agenda-Setting erst den Voyeurismus des Zuschauers aktivieren, um ihn anschließend in die Röhre schauen zu lassen?

          Wie Argumente ruiniert werden

          Schade eigentlich. So wären immerhin Einblicke möglich gewesen, wenn es schon keine Erkenntnisse gegeben hat. Doch eine Erkenntnis gab es: Aldi geht nicht fair mit seinen Mitarbeitern um. Die übertarifliche Bezahlung wird durch unbezahlte Mehrarbeit erkauft und der Essener Discounter praktiziert einen Kontrollwahn, der die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „systematisch“ unter Druck setzt. Dafür wurden genügend Beispiele genannt. Sie sind sicherlich in der Spiegel-Titelgeschichte nachzulesen – und in dem Buch von Stefan Straub mit dem Titel „Aldi. Einfach billig“. Es ist in diesen Tagen erschienen.

          Straub bemühte sich in der Sendung gemeinsam mit der für die Titelgeschichte verantwortlichen Spiegel-Redakteurin Susanne Amann die Arbeitsbedingungen bei Aldi zu skizzieren – und zu skandalisieren. Es ging etwa um die datenschutzrechtlich nicht zu rechtfertigende Videoüberwachung von Mitarbeitern und die Praxis, Abmahnungen systematisch als Drohkulisse zur Einschüchterung einzusetzen. Oder um den bekannten Unwillen der beiden Brüder Theo und Karl Albrecht Betriebsräte als Basis funktionierender Arbeitsbeziehungen zu begreifen. Aldi bestreitet natürlich alle Vorwürfe und spricht bei aufgedeckten Missständen von Einzelfällen.

          Dieses Argument hatte „Spiegel online“ mit seiner Meldung auch effektiv unterstützt. Es ist kaum zu erwarten, dass alle 1700 Filialleiter bei Aldi-Süd genügend Zeit finden, um ihren Kundinnen unter den Rock oder in den Ausschnitt zu sehen. Schließlich müssen auch noch die Milch-Paletten im Laden einsortiert werden. In Wirklichkeit ruiniert man damit sein Argument: Dass nämlich Leistungsverdichtung und eine Mitarbeiter-feindliche Unternehmenskultur das Problem bei Aldi ist. Aldis Erfolgsgeheimnis also auf dem Rücken der Angestellten zu finden ist.

          Der Stellvertreter Aldis auf Erden

          Nun gehört es zum Mythos um die Brüder Albrecht aus Essen, dass ihr Unternehmen für Außenstehende praktisch undurchschaubar ist. Es gibt daher noch nicht einmal eine Pressestelle. Unternehmenskommunikation ist in Essen schon immer ein Wort ohne Bedeutung gewesen. Deshalb hat der Discounter auch keinen eigenen Vertreter zu Jauch geschickt. Nur dürre Antworten auf eingereichte Fragen. Ob nun von Jauchs Redaktion oder vom „Spiegel“. Also kam ein Stellvertreter Aldis nicht nur auf Erden, sondern war sogar bei Jauch zu Gast. Der Stellvertreter heißt Dieter Brandes und ist, so Straub, ein schon 1985 bei Aldi-Nord ausgeschiedener ehemaliger Verwaltungsrat. Es war auch ein Bild zu sehen, auf dem Brandes irgendwann im 20. Jahrhundert mit seinem Chef Theo Albrecht in den Vereinigten Staaten einen Lebensmittelhändler besichtigte.

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