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FAZ.NET-Fernsehkritik : „Dann bekomme ich Angst“

Neues Gesicht in der ARD: die Schülerin Carla Zeller Bild: ddp

Die ARD hat dargelegt, dass sie die Überalterung der Gesellschaft ernst nimmt und den Jüngsten eine Stimme geben will. Der „Tagesthemen“-Kinderkommentar einer zwölfjährigen Berlinerin war aber nicht mehr als eine Pflichtübung. Die FAZ.NET-Fernsehkritik von Michael Hanfeld.

          Die ARD hat am Mittwochabend dargelegt, dass sie die Überalterung der Gesellschaft ernst nimmt und den Jüngsten eine Stimme geben will - den Kindern, die immer weniger werden und deren Belange aus dem Blick zu geraten drohen, obwohl permanent über die Familienpolitik geredet wird. Und so kam es, dass in den „Tagesthemen“ die zwölfjährige Carla Zeller aus Berlin den Kommentar sprach.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Kinder sind Zukunft“ heißt es schließlich in dieser Woche bei der ARD, in der sich jede einzelne Sendung irgendeinen jugendlichen Anstrich gibt. Warum also nicht den Kindern eine Stimme an jenem Platz, von dem aus sonst Chefredakteure ihre wohlfeilen Ansprachen absetzen? Ein Abend ohne Sigmund-Gottlieb-artige Litanei, dafür ist man schon dankbar.

          So etwas kommt immer gut an

          Allerdings war dem Auftritt von Carla Zeller das Aufgesetzt-Alibihafte überdeutlich anzumerken. Es gab große Themen, die man hätte kommentieren können an diesem Abend - Anschläge mit bis zu zweihundert Opfern im Irak, die Morde an drei Christen in der Türkei -, aber es musste etwas sein, zu dem man die Stimme eines Kindes auch wirklich hören will. Und das war - nein, leider nicht die Familienpolitik, auch nicht das Thema Gewalt an Schulen -, sondern der Klimaschutz. So etwas kommt immer gut an: Kinder rufen zur Bewahrung der Schöpfung auf, das ist sozusagen das Kindchenschema in rhetorischer Form, hier auch noch in denkbar altkluger, politisch korrekter Version vorgetragen.

          Da erzählt die zwölfjährige Carla also streberhaft, dass es bei ihr zu Hause hinter dem Fernseher einen Schalter gibt, der alle elektrischen Geräte auch wirklich ausschaltet. In der Schule hätten sie schon Energiesparlampen, und ihr Onkel habe den alten Kühlschrank gegen einen neuen ausgetauscht. Ist das nicht schön? Ob das wirklich alles etwas helfe, wisse sie nicht, sagt Carla, doch sollten die Autobauer doch bitte sparsame Autos bauen und Solaranlagen seien auch sehr wichtig. Denn wenn sie daran denke, dass auf den Feldern eines Tages mal nichts mehr wachse - „dann bekomme ich Angst“. Manchen der Älteren sei das mit dem Energiesparen und dem Klimaschutz vielleicht egal, weil sie ohnehin nicht mehr lange auf dem Globus weilten, ihr aber gehe es anders: „Ich muss noch ein bisschen auf dieser Erde wohnen. Eine andere habe ich nicht.“

          Von Erwachsenen gezielt eingesetzt

          Solche Wahrheiten aus einem Kindermund haben wir nicht erst in den „Tagesthemen“ gehört. Jeder ökologisch motivierte Appell bis hin zur Wahlwerbung exerziert das durch und bereitet einem deshalb Unbehagen, weil klar zu erkennen ist, dass die Kinder wieder mal von Erwachsenen gezielt eingesetzt und ihnen die Worte womöglich gleich mitgegeben werden. Wie wäre es aber gewesen, wenn die „Tagesthemen“ Carla Zeller zum Thema Familienpolitik hätten sprechen lassen? Der Anlass war da - in einem längeren Beitrag haben die „Tagesthemen“ an diesem Abend die Lage der Familien zum Thema gemacht, allerdings sah das - wie im Fernsehen leider üblich - wie ein Besuch im Zoo aus: statt des süßen Knut mal Vater, Mutter, Kind angucken, Füttern verboten.

          Dazu eine Zwölfjährige zu hören, das wäre mal was gewesen, unberechenbar vor allem, vielleicht überraschend und zum Nachdenken anregend wie die Sätze, die in besagtem Beitrag ein Achtjähriger auf die Frage sagte, was für ihn Familie sei: Familie ist, wenn alle da sind, wenn ich mich sicher fühle und wenn wir Spaß haben. Das klingt so einfach, ist aber, wie jeder weiß, für viele Kinder gar nicht so leicht zu haben. Der „Tagesthemen“-Kinderkommentar aber hatte damit nichts zu tun, war er doch erkennbar nichts als eine Pflichtübung: aufgesagt, abgehakt.

          Kindisches ZDF

          Wirklich kindisch in anderem Sinn übrigens wird sich heute Abend das „heute journal“ des ZDF gebärden: Harald Schmidt ist als Ko-Moderator vorgesehen, weil er in seiner ARD-Show gesagt hatte, neben Claus Kleber im ZDF zu stehen und Nachrichten anzusagen, das sei genau der richtige Job für ihn. Waren die Nachrichtensendungen im Zweiten nicht früher mal ernst gemeint? (Siehe auch: Harald Schmidt moderiert im „heute journal“).

          Falls übrigens noch jemand wissen will, warum Ursula von der Leyen so eine neue, fetzige Föhn-Frisur hat: Sie stellte sich gestern in der ARD der Sendung „Ich stelle mich“ zum Krippenkampfthema. Und machte dabei - nicht nur der neuen Haartracht wegen - eine ziemlich gute Figur.

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