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FAZ.NET-Fernsehkritik: Anne Will : Zu viele Fässer geöffnet

Anne Will Bild: dpa

Anne Will diskutierte gestern Abend mit ihren Gästen über die Reaktionen auf die Brandkatastrophe von Ludwigshafen. Klug argumentiert hat dabei vor allem die türkischstämmige Rechtsanwältin Seyran Ates. Doch leider warf Anne Will ständig neue Stichwörter in die Runde.

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          An dem Tag, an dem der Todesopfer von Ludwigshafen gedacht wurde, war die Brandkatastrophe in dem türkischen Mehrfamilienhaus auch in der Sendung von Anne Will das Thema des Abends. Unter dem Titel „Trauer, Vorwürfe, Misstrauen - Ludwigshafen zwischen Hysterie und Wahrheit“ hatten sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der Partei- und Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90 /Die Grünen in Hessen, Tarek Al-Wazir, die türkischstämmige Rechtsanwältin Seyran Ates, der Vorsitzender der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Publizist Henryk M. Broder und Albrecht Reinecke, der als Notarzt als einer der ersten Helfer das brennende Haus in Ludwigshafen erreichte, in Anne Wills Studio zusammengefunden.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Dass auch der Schauspieler Andreas Hoppe geladen war, der beim Ludwigshafener „Tatort“ an der Seite von Ulrike Volkerts Kommissar Kopper spielt, sollte wohl eher unterstreichen, dass die ARD zu ihrer Entscheidung steht: Trotz Kritik wurde der eigentlich für gestern geplante, im türkischen Milieu spielenden SWR-„Tatort“ verschoben (siehe auch ARD verschiebt wegen Brand-Katastrophe „Tatort“ aus Ludwigshafen). Sympathisch wirkte Hopper, wie er da saß - zu sagen hatte er allerdings nicht viel.

          Seyran Ates: „Deutschenfeindlichkeit“ gibt es schon lange

          Das erste Wort hatte der Notarzt, Albrecht Reinecke, der nochmals schildern sollte, was in den Minuten, nachdem der Notruf bei Feuerwehr und Polizei eingegangen war, geschah - als sei eine Diskussion um das Unglück und seine Folgen nur möglich, nachdem nochmals bestätigt wurde, dass die Helfer alles Menschenmögliche taten, um die vom Feuer eingeschlossenen Familien zu retten. Die eigentliche Diskussion bestimmte dann vor allem Seyran Ates - weil sie klug argumentierte. Und Hendryk M. Broder, der es verstand, mit zugespitzten Äußerungen zu provozieren.

          Nach dem Brand : Trauer in Ludwigshafen

          Ob die verantwortungslosen Verdächtigungen der türkischen Presse und die emotionalen Reaktionen vieler Türken Ausdruck einer „aufkeimenden Deutschenfeindlichkeit“ sei, fragte Anne Will ihre Gäste. Von „aufkeimend“ könne nicht die Rede sein, meinte Seyran Ates, denn bestimmte Teile der türkischstämmigen Bevölkerung seien nicht gewillt, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, und deshalb gebe es unter ihnen die „Deutschenfeindlichkeit“ schon lange. Viele Türken trügen ein tief verwurzeltes Misstrauen und eine lang angestaute Wut in sich, die aus dem bisherigen, wenig integrierten Zusammenleben von Deutschen und Türken resultiere, versuchte sie die Reaktionen vieler Türken und den Erfolg der reißerischen Berichterstattung der türkischer Medien zu erklären. „Es gibt kein 'Wir', und deshalb haben viele das Gefühl: 'Die Deutschen wollten uns nicht helfen'“, sagte Ates. Auch wenn sich der Ton der türkischen Presse inzwischen gemäßigt habe, hätte sie erreicht, Wunden, die von negativen Erfahrungen herrührten, wieder aufzureißen und eine gewisse Skepsis gegenüber den deutschen Behörden zu schüren. Viele Türken in Deutschland seien mit ihrem Herzen und ihrer Seele immer noch in der Türkei. Sie seien nicht an der deutschen Gesellschaftsordnung interessiert, sagte Ates.

          Zu viele Themen

          Verantwortungslosigkeit der türkischen Medien, Moscheenstreit, Deutschenfeindlichkeit, der von Türken bejubelte Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogans in Köln - Anne Will warf immer neue Stichwörter in die Runde, die zwar alle irgendwie mit Integration oder misslungener Integration zu tun hatten, deren Fülle die Diskussion aber eher zerstörten: Die Runde brach unter den vielen geöffneten Fässern ganz einfach zusammen. Es sei falsch, zu Verallgemeinern, lautete schließlich der hilflose Tenor der Gäste. Genauso falsch sei es aber auch, zu leugnen, dass es unter Deutsch-Türken ein massives Integrationsproblem gebe.

          Ob die Brandkatastrophe und die sich daran anschließenden, von türkischer Seite geäußerten Verdächtigungen gegenüber Deutschen und deutschen Behörden als Rückschlag für die Integration zu werten seien? Oder hätten sich in den Reaktionen einfach die Defizite der Integrationspolitik offenbart? Innenminister Wolfgang Schäuble hielt sich bei seinen Antworten staatsmännisch zurück. Nicht einzelne Parteien hätten sich etwas vorzuwerfen, sondern das ganze Land, meinte er - auch in Hinblick auf eine Bemerkung des Grünenpolitikers Tarek Al-Wazir, der den hessischen Wahlkampf von Roland Koch als Rückschritt in der Integrationspolitik kritisiert hatte. Die Katastrophe von Ludwigshafen, so Schäuble, könne dazu führen, dass Deutsche und Türken wieder näher zusammenrückten. Auch wenn manch einer der anderen Gäste bei diesen Worten nickte, so zeigte die Diskussion doch: Bis dahin ist es noch ein ziemlich weiter Weg.

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