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FAZ.NET-Fernsehkritik: Anne Will : Diebstahl im Kapitalismus

Ihr Thema gestern Abend: „Mehr Moral per Gesetz” Bild: AP

Oswald Metzger, ein einstiger Grüner, der nun ein Schwarzer ist, brachte bei Anne Will auf den Punkt, worum es in der Krise geht: um die richtigen Begriffe. Gesine Schwan lächelte dazu wahlkämpferisch.

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          Dieses Mal ist bei Anne Will nicht soviel herausgekommen. War ja auch schwierig. Schwieriges Thema, schwierige Runde, schwierige Sache, weil es eben alles andere als leicht fällt, sich auf die Finanzkrise, die zur Weltwirtschaftskrise geworden ist, einen Reim zu machen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Mehr Moral per Gesetz“ - wie Anne Will im Titel ihrer Sendung fragte - wird es nicht geben, darin waren sich ihre Gäste einig. Nicht aber, welche Lehren aus der Krise zu ziehen sind und bei wem man mit was und wo anfangen muss. Wobei wir mit solcherlei Lehren in der Talkstunde am Sonntag auch ehrlich gesagt gar nicht behelligt worden sind, es blieb im konturlos Ungefähren.

          Wird sich irgendetwas ändern?

          Christian Wulff, der niedersächsische Ministerpräsident, plädiert für Maßhalten, Ludwig Erhard und für die soziale Marktwirtschaft. Klaus Ernst von der Linken will nicht nur Boni, sondern auch die hohen Gehälter der Banker streichen. Oswald Metzger, der von den Grünen zur CDU geflüchtete Renegat, möchte, dass die Retter gerettet werden, also dass man endlich auch einmal wieder an diejenigen denkt, die all die vielen Rettungsschirme durch ihre Steuern bezahlen. Thomas Borer-Fielding, ehemals Schweizer Botschafter in Berlin und heute Unternehmensberater, plädiert dafür, dass es Boni nur gibt, wenn Unternehmen Gewinne machen und meint, dass etliche Banker im Augenblick Grund hätten, ihre Gratifikationen samt und sonders für wohltätige Zwecke zu spenden. Und Gesine Schwan schließlich, die Bundespräsidentenkandidatin der SPD, die sich mit den Stimmen der Linken wählen lassen will, möchte, nachdem sie lange genug mit wissendem Lächeln die Einlassungen der anderen begleitet hat, eine Antwort auf die Grundsatzfrage haben, die da lautet: Was sagen die Banker selbst zu der Sache? Wo sehen sie den Fehler? Und: Wird sich irgendetwas verändern?

          Auf diese Frage hätten alle gerne eine Antwort, auch all jene, die morgens in der Zeitung von der nächsten Wahnsinnsabfindungsbonusgratifikation von Topbankern lesen, während sie selber ihre Sozialpunkte zählen, um zu ermitteln, wie die Chancen bei der nächsten Entlassungswelle stehen. Auf diese Antwort warten wir seit Beginn der Krise und wir warten vergebens, denn die Angesprochenen schweigen beharrlich. Keine Antwort, keine Schuld, keine Verantwortung, wie ein Einspielfilm mit ein paar ziemlich durchgeknallten O-Tönen vermeintlicher Banker auf der Frankfurter Zeil beweisen sollte, und also auch keine Moral von der Geschicht‘, denn die Banken und Banker haben alles richtig gemacht und die Politik natürlich auch, vor allem die Regierung Bush in den Vereinigten Staaten.

          Noch bleibt es ruhig

          Dabei vermag einen nur zu wundern, wie ruhig es noch bleibt. Wie stoisch die Menge der zahlenden Wähler und wählenden Zahler die Politik für all die ungedeckten Wechsel einstehen lässt. Auch eine Runde wie die von Anne Will ist unfassbar moderat, wohltemperiert, nur die Kamera schert aus und rückt in denunziatorischer Absicht den güldenen Chronometer von Herrn Borer-Fielding in Großaufnahme heran, heiß aber wird es auch nicht einmal für einen Augenblicksfunken selbst, als Oswald Metzger von dem vom realen Wirtschaft abgekoppelten Finanzmarktgeschehen und vom „Diebstahl im Kapitalismus“ spricht. Sogar der Lehmann-Geschädigte auf Anne Wills Sofa, der Betroffene in einem Verein versammelt, ist die Ruhe selbst.

          Doch das dürfte und müsste eigentlich die Ruhe vor dem Sturm sein, der vielleicht nur noch nicht losgebrochen ist, weil man nicht weiß, welche Trutzburg man als erste schleifen soll. Es gibt so viele davon. Wird sich etwas verändern? Dazu gab es nach einer Talkstunde natürlich keine Antwort, vielleicht sind wir nach dem G-20-Gipfel in London etwas schlauer. Aber wohl kaum besser dran. Und vielleicht berichten dann nicht Anne Will & Co., sondern die Kollegen vom „Brennpunkt“.

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