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FAZ.NET-Debatte : Bildung: Deutschland braucht die Ganztagsschule

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Welche Bildungsreform? Bild:

Deutschland braucht die Ganztagsschule und eine Entbeamtung. Das Bildungs-Dossier.

          3 Min.

          Die Pisa-Studie der OECD hat Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Woran das liegt, darüber wurde viel diskutiert. Fest steht: Die Politik muss sich des Themas annehmen. In Sonntagsreden ist das schon geschehen. Spätestens die Regierung, die im Herbst an die Macht kommt, muss endlich Entscheidungen treffen.

          Eine wichtige Voraussetzung für jede Reform ist, dass das Bewusstsein für den Wert von Bildung insgesamt wächst. Deutschland ist ein verwöhntes Land. Was für ein kostbares Gut es ist, eine Schule oder Universität zu besuchen, ist vielen Menschen aus dem Bewusstsein verschwunden. Hier müssen die politischen Parteien handeln. Sie müssen Bildung zu einem Top-Thema machen. Bund und Länder müssen Schulen und Universitäten deutlich mehr Mittel zur Verfügung stellen. Diese Mittel müssen in der Schule auch in die Lehrerausbildung fließen. Es kann nicht sein, dass Gymnasial-Lehrer ihre Seminare selbst bezahlen müssen.

          FAZ.NET-Thesen zur Bildungspolitik

          Deutschland braucht die Ganztagsschule. Sie macht die Kinder mit dem Gedanken vertraut, dass Lernen ein Lebensinhalt ist, nicht eine Halbtagsbeschäftigung. Die Ganztagsschule muss allerdings mehr sein als eine Lehranstalt. Sie muss den Kindern auch ein soziales Umfeld bieten - etwa durch Freizeitaktivitäten - und ihnen Geborgenheit vermitteln. Englisch-Unterricht in der Grundschule sollte eine Selbstverständlichkeit werden. Denn: Je jünger Kinder sind, desto leichter lernen sie. Hier wird in Deutschland unendlich viel Potenzial verschenkt. Und was die Sprachen angeht: Schulausbildung muss heute europäisch ausgerichtet sein. Nirgendwo sind verschiedene Sprachen und Kulturen so greifbar nah wie in Europa. Wer es hier früh zu Gewandheit bringt, der ist wirklich fit für die „globale Welt“. Also warum nicht Spanisch in der 5. Klasse?

          Abgeschafft werden sollte die Verbeamtung des „Lehrkörpers“. Damit würde sich der Leistungsdruck auf die Lehrer erhöhen. Ein Schulleiter sollte dann auch die Möglichkeit haben, einen Lehrer, den die Schüler mögen und bei dem sie gute Leistungen bringen, zu belohnen. Die Entbeamtung muss jedoch nicht mit Gehaltseinbußen einhergehen. Auch soll sich der Staat nicht aus der Bildung zurückziehen. Aber der Staat sollte mehr Flexibilität zulassen und privaten Institutionen und Stiftungen, die sich in der Bildung engagieren, denkbar günstige Steuerbedingungen bieten.

          Bei den pädagogischen Methoden muss sich eine neue Kultur einbürgern. Lehrer müssen sich dauernd und auf internationalem Niveau mit den neuesten Lehrmethoden auseinandersetzen. Der Grundsatz des lebenslangen Lernens, er muss unbedingt auch für die Lehrer gelten.

          Fahrplan durch das Bildungsdossier

          Das FAZ.NET-Dossier entstand in der festen Überzeugung, dass eine Schule auch nur so gut sein, wie die Gesellschaft, die hinter ihr steht. Diese Gesellschaft aber steckt in einer tiefen Krise: Die Reformideen der 68er sind ebenso veraltet wie die autoritären. Die Bildung braucht wie der Liberalismus einen „dritten Weg“. Der aber ist noch zu suchen. Ein Beitrag analysiert die Dreh- und Angelpunkte des Bildungsnotstandes (Teil I), ein anderer umreisst die ersten Schritte einer Reform (Teil II).

          Die Spaßgesellschaft wirkt wie eine Flucht in den Hedonismus vor dieser drängenden Suche. Die „Generation Raab“ ist, so gesehen, ein Auslaufmodell, wie Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer darlegt (Teil III).

          Wie sehr die Krise der Schule eine „Krise der Gesellschaft“ ist (Teil IV), fiel dem Ostasien-Wissenschaftler Florian Coulmas auf, als er mit seiner Familie aus Japan nach Deutschland zurückkehrte. Japan ist für ihn eine bildungsfreundliche Gesellschaft, Deutschland bildungsfeindlich (Teil V). In diesen Tenor würden auch Finnland-Kenner einstimmen.

          Auch Finnland, das in der Pisa-Studie hervorragend abschnitt, ist ein bildungsfreundliches Land. Lesen - zumal in der Landessprache - ist dort eine patriotische Aufgabe (Teil VI). Von den Vereinigten Staaten können wir lernen, wie wichtig es ist, permanent über eine Verbesserung des Schulsystems nachzudenken - auch etwa die Frage, wie man Minderheiten geschickt integriert (Teil VII).

          In einem Interview (Teil VIII) berichtet eine junge deutsche Lehrerin über ihre Ausbildung und Alltagserfahrungen im Unterricht. Das pädagogische Konzept selbstständigen Wissenserwerbs der Schüler stellt der Beitrag „Was bedeutet Aktives Lernen?“ (Teil IX) vor. Und in „Faust in der Sprechblase“ (Teil X) wird gezeigt, dass sich Comics, lange Zeit geradezu als Inbegriff mangelnder Bildung verpönt, zur entspannten und humorvollen Wissensvermittlung durchaus eignen.

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