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Feuilleton-Gespräche : Allein mit Buch, entspannt im All, empathisch im Theater

Robert Habeck und F.A.Z.-Mitherausgeber Jürgen Kaube Bild: Frank Röth

Zu Gast im Feuilleton auf dem F.A.Z.-Kongress waren Ulrich Matthes, Gerhard Thiele, Gerhard Lauer, Eva Menasse und Robert Habeck. Vom außerirdischen Leben im All, in Büchern und der Politik.

          2 Min.

          Ulrich Matthes ist ein leidenschaftlicher Schauspieler, und ein leidenschaftlicher Zeitungsleser ist er auch. Zwei bis drei Zeitungen am Tag, dazu die Wochenmagazine, was er so schafft, zwischen Proben, Drehs und Auftritten. Matthes liest gründlich, um nicht von Ideologien getrieben zu werden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf dem Kongress zum siebzigjährigen Bestehen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach er mit Simon Strauß, dem Theaterkritiker dieses Feuilletons. Das Theater steht heute zwischen den Stühlen: auf der einen Seite die Diskursjunkies, die dem Schauspieler den Tod erklären, auf der anderen die Erwartung, ewige Gefühle auszudrücken. Dazu die Forderung nach einer Haltung zum politischen Tagesgeschehen.

          Die Sympathien von Matthes gelten der psychologischen Darstellung, für das Diskurstheater hatte er gnädiges Verständnis, und die deutsche Theaterlandschaft in ihrer unermesslichen Weite lasse ja beidem Raum. Zwar sind das Theater und die Zeitungskritiker für Matthes keine Instanzen mehr, wie sie das in den siebziger und achtziger Jahren noch waren, um die Zukunft macht er sich trotzdem keine Sorgen. In einer digital überreizten Gesellschaft werde das Theater als „Schule der Empathie“ gebraucht. Jugendliche Besucher haben sich nach einer Vorstellung schon bei ihm dafür bedankt, zwei Stunden lang unabgelenkt gewesen zu sein.

          Gerhard Thieles Weltraumflug

          Im Weltraum ist die Lage erstaunlich entspannt, wie vom ersten deutschen Weltraumfahrer Gerhard Thiele im Gespräch mit der F.A.Z.-Wissenschaftsredakteurin Sibylle Anderl zu erfahren war. Amerikanische und russische Astronauten beeindruckt wenig, was ihre Präsidenten auf der Erde treiben, sie arbeiten wissenschaftlich zusammen.

          Thieles Mission bei seinem ersten Weltraumflug war die Vermessung der Erde. Raumfahrer bewegt meistens der Blick aus dem All auf den blauen Planeten in seiner einzigartigen kosmischen Schönheit besonders. Thiele aber zog es immer weiter hinaus in eine magische Weite, und es entstand in ihm das ozeanische Gefühl, woanders herzukommen und hinzugehen. Ob Thiele auf seiner Weltraumreise irgendwann Heimweh bekommen hätte, weiß man nicht, er kam ja zurück.

          Ob Trump und Putin sich vertragen, dass beeindruckt Astronauten wenig, sie arbeiten dennoch wissenschaftlich zusammen, sagt Gerhard Thiele.

          Doch nur die Erde erfüllt nach unserer bisherigen Kenntnis die Voraussetzungen für Bewusstsein und Selbstreflexion. Außerirdisches Leben hält Thiele nach dem Wissen, das man in den letzten Jahrzehnten über andere Planetensysteme gewonnen hat, für wahrscheinlich. Die Frage ist für ihn eher, ob es auch bewusstes und empfindsames Leben ist.

          Der Schriftsteller als Politiker

          Die Digitalisierung wird von einer ähnlichen Sehnsucht nach Grenzüberschreitung getrieben, aber sie trifft auf den Widerstand, dass sich die Aufmerksamkeitsspanne nicht in gleicher Weise verlängert. Das ist auch politisch ein Problem. Denn wenn lange Texte nicht mehr konzentriert gelesen werden, sinkt auch die Fähigkeit zum komplexen Denken, und wissenschaftliche Studien wie die Stavanger-Erklärung deuten ebenso wie die Verkaufszahlen des Buchhandels auf sinkende Konzentrationsspannen hin.

          Der Literaturwissenschaftler Gerhard Lauer, Vertreter der Digital Humanities, sah es nicht so skeptisch. Auch am Bildschirm werde geschrieben, gelesen und kommentiert, so Lauer, sogar Gedichte. Man muss nur bereit sein, die ästhetischen Kriterien zu senken – und Lauer war es, zumindest teilweise –, um durch leichtere Stoffe an die Literatur heranzuführen. Das ließ die Frage offen, ob die digitale Literaturwissenschaft überhaupt noch ein ästhetisches Kriterium hat.

          Die Schriftstellerin Eva Menasse, die mit Sandra Kegel über Literaturkritik sprach, schüttelte, auf die von Lauer vorgestellten Literaturplattformen im Netz angesprochen, nur den Kopf: „Ich lese ganze Bücher.“ Menasse schätzt auch altmodische Formen der Literaturpräsentation, sieht sich als Autorin von der Krise des Lesens, die sich eher auf die Unterhaltungsliteratur auswirke, aber nicht unmittelbar betroffen. Schriftsteller war auch Robert Habeck vor dem Einstieg in die Berufspolitik.

          Dafür fühlte er sich in der Politik zwar nicht belächelt, wie er im Gespräch mit F.A.Z.-Mitherausgeber Jürgen Kaube sagte, aber je weiter man sich in der Politik hervorarbeite, desto mehr trete die Berufsvergangenheit zurück und werde erst dann wieder interessant, wenn man, wie Habeck, ein politisches Spitzenamt erwirbt. Die sprachliche Originalität nimmt dagegen mit dem Anstieg des Beobachtetwerdens ab.

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