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„Faust I und II“ in Frankfurt : Allein, dem Weltspiel fehlt die Welt

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Faust als Melancholiker und Miesepeter: das Frankfurter Schauspiel präsentiert Goethes Weltendrama im Doppelpack Bild: Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Frankfurt zeigt „Faust I“ und „Faust II“ von Johann Wolfgang von Goethe. Zwei sehr unterschiedlich gelungene Versuche, die Tragödie zur Zwiebel zu machen und sie bis auf den leeren Kern zu schälen.

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          Wie wäre der Lauf des Ganzen? „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“. Das wünscht sich der Theaterdirektor im „Vorspiel auf dem Theater“ von seinem Unterfangen. Man schreite, so schlägt er vor, „in dem engen Bretterhaus / Den ganzen Kreis der Schöpfung aus“. Das Vorspiel ist im großen Bretterhaus namens Schauspiel Frankfurt, wo man beide Teile von Goethes „Faust“ an zwei Abenden zeigt, gestrichen. Die „Zueignung“ sowieso. Keine schwankenden Gestalten, die sich wieder nahen. Auch Gott, der Herr, fehlt völlig. Kein „Prolog im Himmel“. Keine Engel. Kein Teufel, der mit seinem höchsten Widerpart eine Wette um die Seele Fausts eingeht. Der Schöpfung fehlt der Anfang. Wir sind im Theater der Gottlosen. Es gibt dieserhalb auch keine Himmelfahrt von Faust am Ende der Tragödie zweitem Teil. Keine Gnade, keine Vergebung, kein Himmelwärts, wo das „ewig Weibliche“ als göttlich verzeihendes Prinzip wartet.

          Logischerweise auch keine Engel, keine „Racker, gar appetitlich anzuschauen“, die den Teufel zum schwulen Liebhaber machen, der von den entzückenden Popos der himmlischen Heerscharen abgelenkt wird, sich Fausts entschwindende Seele zu schnappen. Da er hier aber sowieso keine Wette mit Gott hat, ist das wurscht. Die Schauspielerin Constanze Becker in Frack und Claque zeigt als Mephisto statt der teuflischen Apotheosenkatastrophe höchstens eine Art komisches Leberzwicken und bandscheibenvorfallmäßiges Sichkrümmen.

          Naturgemäß auch kein „Gerichtet!“, kein „Gerettet!“ für Gretchen im Kerker, von der nur ein Fettfleck an der Wand bleibt. Keine Kaiserpfalz im zweiten Teil, wo Faust und Mephisto Falschgeld (ungedeckte Papierfetzen) drucken, kein „Fratzengaukelspiel“, kein Mummenschanz, kein Hinunter zu den Müttern in mythische Tiefen, kein Krieg, kein Terror, keine Gewalt, keine klassische Walpurgisnacht (die nordische im ersten Teil kommt ein bisschen über Video und zeigt nur eine Frankfurter Spießbürger-Polonaise), kein Homunkulus, kein künstliches Menschenmachen, keine Massen, kein Volk, kein . . ., kein . . ., kein . . . - Wir beklagen hier: lauter Verluste.

          Am Anfang im Hard-Rock-Café

          Der Himmel also ist gestrichen. Die Hölle ist im ersten Teil vertreten durch einen Hampelmann, der sich als Rockstar tarnt, im zweiten durch einen eleganten Zauberkünstler. Beide teuflisch nicht recht ernst zu nehmen. Und die Welt - die in Goethes „Weltspiel“, in das er sechzig Jahre seines Lebens und sein ganzes mythologisches, wissenschaftliches, religiöses, literarisches, politisches, ökonomisches Weltwissen investierte, die Hauptrolle spielt? Die Welt ist in „Faust I“, den der Alt-Pop-Videot Stefan Pucher inszeniert, eine Art Hard-Rock-Café, das in einer Stummfilmkulisse (Café Murnau?) residiert, die schräg expressionistisch wandstürzend und klettersteigig in einen hohen Fünfeck-Zackenwürfel hineingeschnitten ist und fleißig von einer Rockband bespielt wird, in der Mephisto hie und da auch zur Leadgitarre greift, mit der er durch die Gegend hüpft, als sei er die durchgeknallte Vitzliputzli-Reinkarnation von Kurt Cobain (mit einem Koksschuss Mick Jagger).

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