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Fatale Technik : Unsere Scham vor der Maschine

  • -Aktualisiert am

Mitarbeiter reinigt Steg über dem Abklingbecken eines Atomkraftwerks Bild: ddp

Erfolg ist das Ergebnis von verarbeitetem Misserfolg: Die Atomkatastrophe in Japan setzt diese Erkenntnis außer Kraft. Wir haben der fatalen Technik nichts mehr entgegenzusetzen. Eine Kapitulationserklärung.

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          „Wie verstörte Saurier lungern wir inmitten unserer Geräte herum.“ Als der Philosoph Günther Anders dies schrieb, hatte er den Ausnahmezustand nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im Kopf. Gleichzeitig beschrieb Anders damit unser Dasein in einer technisierten Welt. Das Menschsein werde, so Anders vor mehr als einem halben Jahrhundert, zu einer antiquierten Daseinsform. Verstört, fassungslos und tatsächlich geradezu antiquiert erfahren wir uns heute erneut angesichts des nuklearen Unfalls in Japan.

          Eigentlich sind technische Unfälle in einer Hochtechnologie-Gesellschaft nichts Ungewöhnliches. Die Erfindung der Eisenbahn war auch die Erfindung des Eisenbahnunfalls, die Erfindung des Flugverkehrs die Erfindung des Flugzeugunfalls; auch die Erfindung der Atomkraft war zugleich die Erfindung von nuklearen Unfällen. Unfälle bilden die ungezügelte Rückseite der technischen Kultur. Ihr Ausmaß wächst mit ihrem Entwicklungsstand. Ein Autounfall fordert in der Regel Verletzte; ein Flugzeugabsturz kennt meistens keine Überlebenden mehr; ein Nuklearunfall verseucht ganze Landstriche und macht sie für Jahrhunderte unbewohnbar. Nicht nur Sicherheit durch Technik ist Merkmal einer technischen Kultur, sondern auch deren grundsätzliche Verletzbarkeit, wie es der Techniksoziologe Wiebe Bijker ausdrückte. Verletzlich sind wir, gerade weil wir in einer High-Tech-Gesellschaft leben.

          Technikforschung hat die unausweichliche Ambivalenz von Technik vielfach aufgezeigt. Den Wissenschaftshistorikern Harry Collins und Trevor Pinch diente der Golem, das Geschöpf der jüdischen Mythologie, als Metapher für die gleichermaßen produktive wie destruktive Kraft von Technik, wie sie sich in der unausweichlichen Mitgegebenheit des Unfalls zeigt. Der Golem sei stark, schreiben Collins und Pinch; jeden Tag werde er ein wenig stärker. „Er tut, was man ihm sagt, nimmt seinem Herrn lästige Arbeit ab und beschützt ihn gegen den immer drohenden Feind. Allerdings, er ist auch schwerfällig und gefährlich. Wenn er nicht aufmerksam überwacht wird, kann der Golem seinen Herrn mit seiner wilden Kraft vernichten.“

          In der Antike ging jedes vierte Schiff verloren

          Der Golem ist vom Menschen geschaffen und damit immer auch fehlerhaft. Das eigentlich Gefährliche sei aber der Mythos der Vollkommenheit. Gerade das Ignorieren von Risiken, die Unfähigkeit der Menschen, Unsicherheiten zu thematisieren, führe dazu, dass die „Golem-Technologie unerschrocken ihren Weg“ gehe und Unheil anrichtet. In einer technischen Kultur regieren der Glaube an den reibungslosen Ablauf, an die Beherrschbarkeit technischer Abläufe sowie die Rede vom zu vernachlässigenden Restrisiko, obwohl die Geschichte die Grenzen der Beherrschbarkeit immer wieder demonstriert hat. Der Untergang der Titanic 1912, das Zeppelin-Unglück 1937, das Challenger-Unglück 1986, der Absturz der Concorde 2000, vor allem aber Tschernobyl - die Reihe spektakulärer Unfälle, die in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind, ließe sich beliebig fortsetzen.

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