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Ver-Dichtung an Hauswänden : Fassaden und Schwindel

  • -Aktualisiert am

Zeilen des Anstoßes: Das Gedicht „avenidas“ des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer an der Fassade der Alice Salomon Hochschule Bild: dpa

Die Alice-Salomon-Hochschule gestaltet ihre Fassade neu: Das in die Kritik geratenen Gomringer-Gedichtes „avenidas“ wird mit neuen Zeilen umgewertet. Überschreibung statt Auslöschung – das ist gut, denn das tut auch nicht so weh.

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          Unter denen, die sich in der Debatte um das Eugen-Gomringer-Gedicht an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zu Wort meldeten, war auch die Lyrikerin Barbara Köhler. Sie hat, als eine der wenigen unter den prominenten Stimmen, die Debatte um eine mögliche Entfernung von „avenidas“ befürwortet, auf welcher der Studentenausschuss Asta bestanden hatte, nachdem er in dem Gedicht den übergriffigen und sexualisierenden Blick eines männlichen Ichs verkörpert sah.

          Als die Hochschulleitung sich dem Druck der Studenten fügte und eine Übermalung der Gedichtzeilen ankündigte, wurde der Fall im ganzen Land diskutiert und vielfach kritisiert. Die Hochschule blieb bei ihrer Haltung. Mitte September ist es nun so weit. Die Wand wird neu gestaltet, und man kann raten, womit: mit einem Gedicht von Barbara Köhler. Die Autorin hatte damals in einem Beitrag für diese Zeitung darauf verwiesen, dass es sich bei Gomringers Gedicht um einen Text im öffentlichen Raum handele, und „darauf wurde eigentlich ganz zivilisiert und demokratisch reagiert“: „Das ist nicht der Untergang des Abendlandes, auch kein Angriff auf die Kunstfreiheit, keine Zensur und keine Barbarei.“ Und, schließlich, es habe sich bei Gomringers Gedicht ja nicht um das „Ergebnis einer Kunst-am-Bau-Ausschreibung mit demokratisch legitimierter Jurierung“ gehandelt, sondern um ein Geschenk – „und mit Geschenken dürfen Beschenkte schon verfahren“ (ergänze: wie sie wollen).

          Dem abgewendeten Untergang des Abendlandes folgt der Aufgang eines Gedichts, das Barbara Köhler der Hochschule nun ausdrücklich geschenkt hat so wie Gomringer einst das seine. Was demnächst in Berlin großflächig zu besichtigen sein wird, lässt sich auf der Website der Hochschule schon sehen: Monumental und ähnlich knapp wie zuvor prangt da an der Südfassade in Versalien das Geschenk, also das Gedicht von Barbara Köhler: „SIE BEWUNDERN SIE / BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN: / SIE WIRD ODER WERDEN GROSS / ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO / STEHEN SIE VOR IHNEN / IN IHRER SPRACHE / WÜNSCHEN SIE IHNEN / BON DIA GOOD LUCK.“

          Köhler nimmt nicht nur inhaltlich Bezug auf Gomringer („bewundern“) und wählt den katalanischen Gruß – im Gegensatz zum Spanisch, das der Halbbolivianer Gomringer verwendet, womit allerdings wohl vor allem auf die jüngsten innerspanischen Querelen Bezug genommen wird, wobei Spanien, na klar, die Rolle des Unterdrückers zuteil wird. Es sollen auch einzelne Buchstaben des alten durch den neuen Text gleichsam hindurchschimmern. Überschreibung statt Auslöschung – das ist gut, denn das tut auch nicht so weh. Und hat außerdem den unschlagbaren Vorteil, dass die Akteure sich hier in alle Richtungen absichern. Gomringer kommt weg? Nein, er ist doch noch da! Köhlers Zeilen retten sich derweil ins Verrätselte. Wer hier wie was meint, muss offenbleiben. Und für Gomringer-Fans wird „avenidas“ ja auch noch auf der Fassade untergebracht werden, halt nur ganz unten, ganz klein. Man muss nur den Blick senken, dann sieht man es.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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