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„Faserland“ auf der Bühne : Neunhundert Liter Roman

  • -Aktualisiert am

Der Kleine Chor der Tellkampfschule in Hannover füllt die Leere des konsumorientierten Ich-Erzählers in Christian Krachts „Faserland“ keineswegs. Bild: Katrin Ribbe

Hannover bringt erstmals Christian Krachts „Faserland“ auf die Bühne. Im genauen Gegensatz zum Stück gibt man sich tiefsinnig, bleibt aber an der Oberfläche.

          Konsum ist ein Akt der inneren Verzweiflung. Auf diese kurze Formel lässt sich Christian Krachts Roman „Faserland“ zusammenfassen. Er ist 1995 erschienen, wurde als Popliteratur eingestuft, heiß diskutiert und an den Pranger gestellt wie auch in den Himmel gelobt. Denn der Ich-Erzähler ist sozusagen die verkörperte Verzweiflung. Er reist von Sylt bis zum Bodensee, säuft und raucht und taumelt ganz ohne Halt und Ziel, dafür aber im bedingungslosen Markenwahn durchs Leben, bis er sich seiner inneren Leere gewahr wird und schließlich nach Zürich flüchtet, wo die Geschichte mitten auf dem See endet. Und er ist eine Kopfgeburt der neunziger Jahre. Also nicht mehr so ganz aktuell, weil sich die Welt inzwischen weitergedreht und sich unsere Gesellschaftsprobleme verschoben haben.

          Von dieser Verschiebung ist bei der von Robert Lehniger nun in Szene gesetzten Dramatisierung des Romans am Ballhof Eins des Staatsschauspiels in Hannover nicht viel zu sehen, obwohl hier zwar eine Verschiebung stattfindet, diese aber eher etwas mit der räumlichen Perspektive zu tun hat. Denn die Bühne von Irene Ip ist durch unzählige Pfähle erhöht und ihr Hintergrund wird von einer riesigen Videoleinwand verziert. Darauf zu sehen: die „Faserland“-Reise des Romanhelden, die der Regisseur mit seinen fünf Ich-Erzähler-Darstellern Lisa Arnold, Dominik Maringer, Oscar Olivo, Sandro Tajouri und Martin Vischer von Nord nach Süd abgepilgert ist, um einen aktuellen Bezug zum Roman herzustellen, der aber daran scheitert, dass Lehniger den heruntererzählten Text Krachts unverändert gelassen und nur mal hier und da etwas gestrichen hat, um auf bühnentaugliche zwei Stunden zu kommen, wobei sich die Ich-Erzähler mit ihren Plappereien nicht nur abwechseln, sondern sich auch mal ganz gern gegenseitig ins Wort fallen, kommentieren und ergänzen.

          Eine fast schon rituell zelebrierte Wasserschlacht

          Doch holt auch die „Faserpost“ in Form von Reisegrußkarten oder Internetvideos, die zum einen in der Inszenierung, zum anderen auf der Homepage des Theaters zu sehen sind, Lehniger nicht aus der Romanfalle heraus. Neben der Videoleinwand beherrschen aber Batterien von Wasserflaschenkisten die Szene, mal in Reih und Glied, mal zum Iglu zusammengebaut, der als Requisitenkammer oder Umkleideraum dient, während direkt daneben ein quadratisches Wasserbecken in den Bühnenboden eingefasst ist.

          Plappereien der Ich-Erzähler: Martin Vischer, Dominik Maringer und Oscar Olivo

          In diesen ungefähr hundert Kisten befinden sich je sechs Plastikflaschen zu eineinhalb Litern. Wenn das Wasser im Becken nicht mitgerechnet wird, macht das allein schon neunhundert Liter Flüssigkeit. Und Robert Lehniger gebraucht jeden einzelnen Tropfen davon. Zuerst simulieren die Ich-Erzähler mit Hilfe der Wasserflaschen regelrechte Speiorgien, doch ausgerechnet bei der Schlüsselstelle des Romans, wenn der Erzähler nämlich endlich mal seine lakonische Konsummaske fallen lässt und sein verlorenes Inneres zeigt, springen die anderen um ihn herum und veranstalten eine fast schon rituell zelebrierte Wasserschlacht. Schließlich ertränkt sich ja auch ein Freund des Erzählers im Bodensee - vom möglichen Suizid am Schluss mal ganz abgesehen.

          Jede Form von Subtilität ertränkt

          Da liegt eine Planschorgie ebenso auf der Hand wie der Auftritt des Kleinen Chores der Tellkampfschule, denn immerhin ist „Faserland“ vom nächsten Schuljahr an Abiturprüfungsstoff in Niedersachsen. Und so stehen die Jugendlichen in ihren knallbunten Sweatshirts mal unter, mal auf der Pfahlbühne und singen Nummern von Tomte, Blumfeld und Tocotronic. Sie ersetzen die im Roman vorkommenden Songs von Snap, Modern Talking oder den Soundtrack von „Twin Peaks“.

          Doch auch dadurch wird die „Faserland“-Dramatisierung nicht zeitgemäßer, denn wo Kracht Oberfläche vortäuscht und Tiefgang versteckt, verhält es sich bei Lehniger genau andersherum: Er tut so tiefgründig und kreativ, dümpelt dabei aber seicht an der Oberfläche herum und ertränkt jede Form von Subtilität in lauter Wasserschwall.

          Einer der fünf Darsteller von Krachts Ich-Erzähler: Sandro Tajouri

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