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FAS-Medienkolumne : Die lieben Kollegen

In seiner aktuellen Medienkolumne beschäftigt sich Harald Staun mit den medialen Reaktionen auf die Schulschießerei im amerikanischen Uvalde.

          2 Min.

          Der Amoklauf an der Grundschule im texanischen Uvalde hat diese Woche die Welt erschüttert – und die Frage ist, was daran eigentlich das Erschütterndste ist. Dass sich diese Erschütterung nur noch durch Steigerung von Zahl und Wehrlosigkeit der Opfer erreichen lässt und die 26 Schulschießereien, die sich in diesem Jahr vorher ereignet hatten, nur noch Statistiker zur Kenntnis nehmen? Oder dass auch Uvalde schon in ein paar Tagen vergessen sein wird? In die routinierte Betroffenheit der Berichterstattung jedenfalls mischte sich in diesen Tagen eine kaum weniger routinierte Frustration über die traurige Regelmäßigkeit solcher Gewaltverbrechen in den USA – und über deren ebenso traditionelle Folgenlosigkeit. Die Lokalzeitung „San Antonio Express-News“ formulierte das so: „Obwohl Worte unsere Berufung sind, gibt es kein einziges Wort, das wir diesen Familien oder unseren Lesern anbieten können, um sie zu trösten oder ihnen zu versichern, dass es hellere Tage geben wird. Was in Uvalde geschehen ist, sollte ein unvorstellbarer Schrecken sein, aber was unsere Empörung über dieses Massaker noch vergrößert, ist, dass nichts Unvorstellbares oder Überraschendes daran ist, dass dies geschehen ist.“

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nur über die Frage, wie weit die Gewöhnung geht, wird noch verhandelt. Alles sei so „vorhersehbar und formelhaft“, schrieb CNN-Reporter Oliver Darcy auf Twitter. „Es gibt keine neuen Argumente, keine gewagten neuen Dinge, die man sagen könnte. Keiner hat die richtigen Worte. Alles ist recycelt. Wiederverwertet von der letzten Schießerei und der Schießerei davor. Das ist die traurige Realität Amerikas.“ Eine solche Resignation sei Teil des Problems, antwortet sein Kollege Mark Follman, Mitarbeiter des Magazins „Mother Jones“ und Autor eines Buchs über die Verhinderung von Massenschießereien: „Empörung und Trauer sind nicht genug“, Amerika müsse mehr tun. „Ihr Tweet beweist gewissermaßen meinen Punkt“, entgegnet Darcy, auch das sei schließlich schon oft zuvor gesagt worden.

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