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Familienpolitik : Wir Rabenmütter

Altdeutsches Familienidyll: Mutter, Kind, Küche Bild: AP

Junge Frauen glauben auf eigene Kinder verzichten zu sollen, weil ein romantisch-verklärtes Familienbild ihnen einen Platz zu Hause zuweist. Daß es auch anders geht, dafür fehlen uns Vorbilder.

          6 Min.

          Wenn junge Frauen lieber ganz auf Kinder verzichten, als sich dem Vorwurf auszusetzen, sie zu vernachlässigen, läuft etwas schief in der Gesellschaft. Dabei ist es keineswegs so, daß diese jungen Frauen prinzipiell auf Nachwuchs verzichten wollen.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Die große Mehrheit der neunundzwanzig- bis vierunddreißigjährigen Frauen hierzulande wünscht sich zum Beispiel mindestens zwei Kinder. Am Ende aber bleibt jede dritte Frau kinderlos, bei Akademikerinnen sind es mehr als vierzig Prozent. Die Differenz zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die bedeutet, daß jährlich mehr als zweihunderttausend erwünschte Babys nicht zur Welt kommen, ist auch Reaktion auf ein Familienbild, das nicht mehr in unsere Zeit paßt, dem aber noch viele nachhängen.

          Zu Hause am besten aufgehoben

          Fast nie sind es freilich die Männer, die entscheiden, ob und wie sie mit Kindern ihren Beruf fortsetzen wollen. Trotzdem vertreten insbesondere sie oft die Ansicht, daß Kinder zu Hause besser aufgehoben seien als bei Tagesmüttern, in Krippen oder in Krabbelgruppen. Gemeinschaftserziehung wie etwa in der französischen Maternelle gilt schon deshalb als verdächtig, weil dort die Kleinsten bereits mit Buchstaben konfrontiert werden. In den ersten drei Jahren, so die hier verbreitete Meinung, gehörten Kinder zur Mutter, und zwar rund um die Uhr. Deshalb ändert sich hierzulande für die meisten berufstätigen Frauen mit der Geburt eines Kindes alles, für die meisten Männer wenig. Der Anteil der Väter, die sich für die Erziehung eine Auszeit nehmen, ist verschwindend gering.

          Mütter aber, die sich mit der Arbeitsplatzbeschreibung am heimischen Herd nicht begnügen wollen oder können, haben es nicht leicht; denn das Vorurteil, daß arbeitende Mütter schlechte Mütter sind, hält sich hartnäckig. Daß damit dem demographischen Problem zusätzlich Vorschub geleistet wird, scheint nicht ins Gewicht zu fallen. Zwar hat sich herumgesprochen, daß Deutschland vergreist - unter den 191 Nationen der Erde steht Deutschland mit seiner Geburtenrate, die sich seit den sechziger Jahren fast halbiert hat, auf Platz 181 -, doch verhält es sich dabei ähnlich wie beim Notstand in der Pflegeversicherung: Es wurden so viele negative Hochrechnungen, Statistiken und Prognosen in den Raum geworfen, daß man der Horrorszenarien fast überdrüssig geworden ist.

          Dramatische Folgen

          Die Folgen für ein Land, in dem Kinder nichts zu lachen haben, sind dramatisch, für die Sozialsysteme wie für das gesellschaftliche Klima: Städte und ganze Landstriche veröden, die Renten können nicht bezahlt werden, und es bilden sich Fronten zwischen Jung und Alt, Eltern und Kinderlosen, zwischen der kinderarmen westlichen Welt und den kinderreichen Entwicklungsländern.

          Silke Lautenschläger, die hessische Sozialministerin, wird deshalb nicht müde, davor zu warnen, daß eine Gesellschaft ohne Kinder ihre Zukunft verspielt. Sie gehört zu den Vorreitern einer neuen konservativen Familienpolitik, die für die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ werben will. Die Ministerin, die mit 36 Jahren selbst Mutter zweier Kinder ist, gehört damit zur Avantgarde in ihrer Partei, neuerdings aber erhält sie Unterstützung von oben.

          Kochs Kernaufgabe

          Erst vor wenigen Wochen hat Roland Koch das tradierte Familienbild der CDU, welches das Recht des Kindes auf Erziehung in der Familie in den ersten drei Jahren vorsah, für überholt erklärt. Auf dem Kleinen Parteitag seiner Partei forderte der hessische Ministerpräsident zur Kehrtwende auf: „Wir können unsere Familienpolitik in den Ofen schmeißen, wenn wir die Rolle der Frau nicht verbessern“, mahnte er seine Partei, die insbesondere bei jungen Frauen als hoffnungslos rückständig gelte. Ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen hält man in Wiesbaden für eine „Kernaufgabe“, nicht nur, weil die Zahl der Kinder stetig abnehme, sondern weil zugleich die Kinderfeindlichkeit zunehme. „Wir verlieren eine ganze Generation, wenn wir nicht umdenken.“

          Dieses Umdenken freilich ist die größte Herausforderung. Denn mehr als unter fehlender Kinderbetreuung leiden die Deutschen an einem romantisch-verklärten Familienbild, das arbeitende Mütter mit glücklichen Kindern nicht vorsieht. Nun schreiben sich mit der CDU auch alle anderen Parteien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahnen - gerade erst hat Familienministerin Renate Schmidt ihr Gesetz zur Förderung der Kleinkinderbetreuung durch den Bundestag gebracht, für das sie 1,5 Milliarden Euro bereitstellen will, und das Land Hessen, das bis 2010 ein flächendeckendes Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren anstrebt, stellt für 2005 vierzehn Millionen Euro bereit.

          Für Unternehmen unbedeutend

          Dennoch scheint die Botschaft bisher kaum irgendwo angekommen zu sein. So gibt es nur wenige Firmen, die ihren Angestellten Betriebskindergärten zur Verfügung stellen; Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln ergaben, daß siebzig Prozent der Unternehmen die eigene Familienfreundlichkeit als unbedeutend einstufen. In den Kommunen sieht es kaum anders aus. Die Zuteilung eines Krippenplatzes kommt oft genug einem Lottogewinn gleich; in Hessen etwa gibt es überhaupt nur für vier von hundert Kindern einen Krippenplatz.

          Von Wissenschaftlern wie Norbert Bolz, die das Schreckensszenario von der „entheiligten Familie“ entwerfen, bekommen sie sogar noch recht: „Bekanntlich hat jede Emanzipation ihren Preis. Den Preis für die Emanzipation der Frauen zahlen die Kinder.“ Wer Kinder in die Welt setzt und wieder arbeiten geht, soviel ist klar, gilt nicht nur als Rabenmutter, sondern wird zudem für die seelische Verwahrlosung der Jugend verantwortlich gemacht. Da kann Silke Lautenschläger im Gespräch mit dieser Zeitung noch so sehr hervorheben, daß „die Vorstellung von der Rabenmutter nicht mehr zeitgemäß“ sei.

          Vorbilder Frankreich und Skandinavien

          Auch daß man anderswo durchaus andere Ansichten vertritt, ficht die Kritiker nicht an. In Frankreich - wo die außerhäusige Kinderbetreuung zum Erbe der höfischen Gesellschaft gehört - wie in den skandinavischen Ländern, wo Betreuungsnetze für Kinder unter drei Jahren ebenso flächendeckend angeboten werden, gilt es als selbstverständlich, daß Mütter in ihren Beruf zurückkehren. Die Zahl der Geburten liegt dort erheblich über denen in Deutschland. Und wer wollte ernsthaft behaupten, daß es französischen oder schwedischen Kindern schlechter erginge als deutschen? Freilich haben diese Länder, anders als Deutschland, keine belastete Vergangenheit in Sachen Bevölkerungspolitik. Aber selbst in Amerika, wo der Staat die Familienbildung keineswegs subventioniert, ist die Berufstätigkeit von Müttern kein Tabu. Kinder bekommen die Amerikanerinnen im Durchschnitt zwei.

          Man mag einwenden, daß aktuelle Gründe wie Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst oder die Anforderungen einer gesteigerten Leistungsgesellschaft die Kinderlosigkeit förderten. Doch damit haben andere Länder auch zu kämpfen. In Deutschland wird das diffuse Zukunftsbild unterfüttert durch die überstrapazierte Mutterrolle. Niemand kann so gut kochen, mit Klötzchen bauen oder am Sandkastenrand sitzen wie die eigene Mama - bildet man sich ein. Doch Untersuchungen des hessischen Sozialministeriums, wonach zwanzig Prozent der vierjährigen deutschsprachigen Kinder eklatante Sprachdefizite aufweisen, lassen daran Zweifel aufkommen.

          Erstmals unter Gleichaltrigen

          Natürlich brauchen Kinder Bezugspersonen. Keine Krabbelstube, kein Kindergarten kann die Liebe und die Zuwendung der Eltern ersetzen. Doch in einer Gesellschaft mit immer mehr Einzelkindern sind das für viele Kinder die ersten Orte, an denen sie unter Gleichaltrige kommen. Nur bei uns gelten die Mütter als diejenigen, die allein den Bedürfnissen der kleinen Strampelmänner gerecht werden. Kinder aber wurden schon immer von anderen miterzogen. Früher gab es Tanten, Großmütter und Nachbarn, die die Mütter entlasteten. Heutzutage fehlt dieses soziale Miteinander von Großfamilien - oder wird oft als unangebrachte Einmischung abgelehnt.

          Daß es anders geht, dafür fehlen hierzulande die Vorbilder. Die französische Ministerin Brigitte Girardin hat so selbstverständlich eine Familie wie die Hochkommissarin für Menschenrechte in Genf, die Kanadierin Louise Arbour. Bei uns ist man entweder Parteivorsitzende oder Mutti, lädt entweder zum Polit-Talk oder zum Babygebrabbel. Gelingt der Spagat zwischen Beruf und Familie doch einmal, wie bei der niedersächsischen Sozialministerin und siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen, muß man mit Skepsis bis Ablehnung rechnen. Dabei sagt die CDU-Politikerin von sich, sie sei durch ihre Berufstätigkeit eine bessere Mutter, weil sie glücklich nach Hause komme.

          Selbstverständliche Elternschaft

          Statt junge Familien zu einer Entscheidung zu drängen, wäre es an der Zeit, auf die junge Generation zuzugehen und sie von dem Anspruch zu entlasten, alles perfekt gestalten zu wollen, also auch Familie oder Beruf. Kinder bedeuten ohnehin das Ende jeglicher Perfektion. Wer Kinder bekommt, kann gar nicht alles richtig machen, weil sie Chaos hervorrufen, schlaflose Nächte und totale Unvorhersehbarkeit.

          Elternschaft braucht nicht idealisiert zu werden, vielmehr muß es, wie Silke Lautenschläger meint, „wieder eine Selbstverständlichkeit sein, Kinder zu haben“ - unter entsprechenden Rahmenbedingungen und ohne moralisches Mißtrauen der Umwelt. Fast jedes fünfte Kind in Deutschland lebt bei Alleinerziehenden. Das allein ist keine leichte Aufgabe. Gerade diese Eltern aber, kritisiert die Ministerin, „haben das Pech, im Kindergarten auch noch schräg angeschaut zu werden, wenn sie ihr Kind einmal zu spät abholen“.

          Die Wüstenwanderung ist wichtiger

          Eine Gemeinde wie Heusenstamm im Süden Frankfurts zeigt schon heute, wie es morgen um Deutschland bestellt sein könnte. Ursprünglich durch viele Neubaugebiete zum klassischen Familienvorort geworden, liegt der Altersdurchschnitt heute bei 64 Jahren, wie Bürgermeister Peter Jacoby sagt. Persönliche Gründe, sich keinen Nachwuchs zuzulegen, gibt es freilich immer: Da steht die Beförderung bevor, da will man eigentlich noch eine Wüstenwanderung unternehmen, oder es paßt eben momentan einfach nicht.

          Kinder setzen ihren Eltern zugleich Grenzen und eröffnen Horizonte, beschränken nicht nur, sondern lenken den Blick aufs Wesentliche. Vielleicht könnten sie uns das Quentchen Mut zur Improvisation lehren, eine lebenspraktische Phantasie, die wieder Lust aufs Familienabenteuer macht. Anderenfalls stehen die Kinder bald nicht mehr im fröhlichen Mittelpunkt - und wir unter Artenschutz.

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