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Familienpolitik : Wir Rabenmütter

Man mag einwenden, daß aktuelle Gründe wie Arbeitslosigkeit, Zukunftsangst oder die Anforderungen einer gesteigerten Leistungsgesellschaft die Kinderlosigkeit förderten. Doch damit haben andere Länder auch zu kämpfen. In Deutschland wird das diffuse Zukunftsbild unterfüttert durch die überstrapazierte Mutterrolle. Niemand kann so gut kochen, mit Klötzchen bauen oder am Sandkastenrand sitzen wie die eigene Mama - bildet man sich ein. Doch Untersuchungen des hessischen Sozialministeriums, wonach zwanzig Prozent der vierjährigen deutschsprachigen Kinder eklatante Sprachdefizite aufweisen, lassen daran Zweifel aufkommen.

Erstmals unter Gleichaltrigen

Natürlich brauchen Kinder Bezugspersonen. Keine Krabbelstube, kein Kindergarten kann die Liebe und die Zuwendung der Eltern ersetzen. Doch in einer Gesellschaft mit immer mehr Einzelkindern sind das für viele Kinder die ersten Orte, an denen sie unter Gleichaltrige kommen. Nur bei uns gelten die Mütter als diejenigen, die allein den Bedürfnissen der kleinen Strampelmänner gerecht werden. Kinder aber wurden schon immer von anderen miterzogen. Früher gab es Tanten, Großmütter und Nachbarn, die die Mütter entlasteten. Heutzutage fehlt dieses soziale Miteinander von Großfamilien - oder wird oft als unangebrachte Einmischung abgelehnt.

Daß es anders geht, dafür fehlen hierzulande die Vorbilder. Die französische Ministerin Brigitte Girardin hat so selbstverständlich eine Familie wie die Hochkommissarin für Menschenrechte in Genf, die Kanadierin Louise Arbour. Bei uns ist man entweder Parteivorsitzende oder Mutti, lädt entweder zum Polit-Talk oder zum Babygebrabbel. Gelingt der Spagat zwischen Beruf und Familie doch einmal, wie bei der niedersächsischen Sozialministerin und siebenfachen Mutter Ursula von der Leyen, muß man mit Skepsis bis Ablehnung rechnen. Dabei sagt die CDU-Politikerin von sich, sie sei durch ihre Berufstätigkeit eine bessere Mutter, weil sie glücklich nach Hause komme.

Selbstverständliche Elternschaft

Statt junge Familien zu einer Entscheidung zu drängen, wäre es an der Zeit, auf die junge Generation zuzugehen und sie von dem Anspruch zu entlasten, alles perfekt gestalten zu wollen, also auch Familie oder Beruf. Kinder bedeuten ohnehin das Ende jeglicher Perfektion. Wer Kinder bekommt, kann gar nicht alles richtig machen, weil sie Chaos hervorrufen, schlaflose Nächte und totale Unvorhersehbarkeit.

Elternschaft braucht nicht idealisiert zu werden, vielmehr muß es, wie Silke Lautenschläger meint, „wieder eine Selbstverständlichkeit sein, Kinder zu haben“ - unter entsprechenden Rahmenbedingungen und ohne moralisches Mißtrauen der Umwelt. Fast jedes fünfte Kind in Deutschland lebt bei Alleinerziehenden. Das allein ist keine leichte Aufgabe. Gerade diese Eltern aber, kritisiert die Ministerin, „haben das Pech, im Kindergarten auch noch schräg angeschaut zu werden, wenn sie ihr Kind einmal zu spät abholen“.

Die Wüstenwanderung ist wichtiger

Eine Gemeinde wie Heusenstamm im Süden Frankfurts zeigt schon heute, wie es morgen um Deutschland bestellt sein könnte. Ursprünglich durch viele Neubaugebiete zum klassischen Familienvorort geworden, liegt der Altersdurchschnitt heute bei 64 Jahren, wie Bürgermeister Peter Jacoby sagt. Persönliche Gründe, sich keinen Nachwuchs zuzulegen, gibt es freilich immer: Da steht die Beförderung bevor, da will man eigentlich noch eine Wüstenwanderung unternehmen, oder es paßt eben momentan einfach nicht.

Kinder setzen ihren Eltern zugleich Grenzen und eröffnen Horizonte, beschränken nicht nur, sondern lenken den Blick aufs Wesentliche. Vielleicht könnten sie uns das Quentchen Mut zur Improvisation lehren, eine lebenspraktische Phantasie, die wieder Lust aufs Familienabenteuer macht. Anderenfalls stehen die Kinder bald nicht mehr im fröhlichen Mittelpunkt - und wir unter Artenschutz.

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