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Familienpolitik : Wir Rabenmütter

Erst vor wenigen Wochen hat Roland Koch das tradierte Familienbild der CDU, welches das Recht des Kindes auf Erziehung in der Familie in den ersten drei Jahren vorsah, für überholt erklärt. Auf dem Kleinen Parteitag seiner Partei forderte der hessische Ministerpräsident zur Kehrtwende auf: „Wir können unsere Familienpolitik in den Ofen schmeißen, wenn wir die Rolle der Frau nicht verbessern“, mahnte er seine Partei, die insbesondere bei jungen Frauen als hoffnungslos rückständig gelte. Ihnen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen hält man in Wiesbaden für eine „Kernaufgabe“, nicht nur, weil die Zahl der Kinder stetig abnehme, sondern weil zugleich die Kinderfeindlichkeit zunehme. „Wir verlieren eine ganze Generation, wenn wir nicht umdenken.“

Dieses Umdenken freilich ist die größte Herausforderung. Denn mehr als unter fehlender Kinderbetreuung leiden die Deutschen an einem romantisch-verklärten Familienbild, das arbeitende Mütter mit glücklichen Kindern nicht vorsieht. Nun schreiben sich mit der CDU auch alle anderen Parteien die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf die Fahnen - gerade erst hat Familienministerin Renate Schmidt ihr Gesetz zur Förderung der Kleinkinderbetreuung durch den Bundestag gebracht, für das sie 1,5 Milliarden Euro bereitstellen will, und das Land Hessen, das bis 2010 ein flächendeckendes Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren anstrebt, stellt für 2005 vierzehn Millionen Euro bereit.

Für Unternehmen unbedeutend

Dennoch scheint die Botschaft bisher kaum irgendwo angekommen zu sein. So gibt es nur wenige Firmen, die ihren Angestellten Betriebskindergärten zur Verfügung stellen; Untersuchungen des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln ergaben, daß siebzig Prozent der Unternehmen die eigene Familienfreundlichkeit als unbedeutend einstufen. In den Kommunen sieht es kaum anders aus. Die Zuteilung eines Krippenplatzes kommt oft genug einem Lottogewinn gleich; in Hessen etwa gibt es überhaupt nur für vier von hundert Kindern einen Krippenplatz.

Von Wissenschaftlern wie Norbert Bolz, die das Schreckensszenario von der „entheiligten Familie“ entwerfen, bekommen sie sogar noch recht: „Bekanntlich hat jede Emanzipation ihren Preis. Den Preis für die Emanzipation der Frauen zahlen die Kinder.“ Wer Kinder in die Welt setzt und wieder arbeiten geht, soviel ist klar, gilt nicht nur als Rabenmutter, sondern wird zudem für die seelische Verwahrlosung der Jugend verantwortlich gemacht. Da kann Silke Lautenschläger im Gespräch mit dieser Zeitung noch so sehr hervorheben, daß „die Vorstellung von der Rabenmutter nicht mehr zeitgemäß“ sei.

Vorbilder Frankreich und Skandinavien

Auch daß man anderswo durchaus andere Ansichten vertritt, ficht die Kritiker nicht an. In Frankreich - wo die außerhäusige Kinderbetreuung zum Erbe der höfischen Gesellschaft gehört - wie in den skandinavischen Ländern, wo Betreuungsnetze für Kinder unter drei Jahren ebenso flächendeckend angeboten werden, gilt es als selbstverständlich, daß Mütter in ihren Beruf zurückkehren. Die Zahl der Geburten liegt dort erheblich über denen in Deutschland. Und wer wollte ernsthaft behaupten, daß es französischen oder schwedischen Kindern schlechter erginge als deutschen? Freilich haben diese Länder, anders als Deutschland, keine belastete Vergangenheit in Sachen Bevölkerungspolitik. Aber selbst in Amerika, wo der Staat die Familienbildung keineswegs subventioniert, ist die Berufstätigkeit von Müttern kein Tabu. Kinder bekommen die Amerikanerinnen im Durchschnitt zwei.

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