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Familienpolitik : Wer Zukunft zeugt

Seit der Nachwuchs das Überleben sicherte, ist viel Zeit vergangen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Es wird weiterhin junge Paare geben, die Eltern werden wollen, auch unter den anspruchsvollen Kindern des Fortschritts, wenn man ihnen wirklich alle Wahlmöglichkeiten offen läßt, für die unsere Zivilisationsstufe gerüstet ist.

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          Bevor der Begriff der Emanzipation eine bemerkenswerte semantische Einengung auf diverse dringliche Themen des Feminismus erfuhr, gehörte er lange Zeit zum Grundbestand des altbürgerlichen Liberalismus, etwa als "Emanzipation der Sklaven" oder "Emanzipation der Juden".

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die letztbegründende Horizontvorstellung solcher Debatten war immer die in der Aufklärung propagierte allgemeine "Emanzipation des Menschen", nämlich vom bloßen naturwüchsigen Erleiden seines Geschicks. Der Mensch war in diesem Bild freilich ein Mann, von dessen in der Tat naturwüchsiger, mindestens einige aufgezeichnete Jahrtausende währender Vorherrschaft sich schon in der Aufklärung einige gescheite Frauen unter der Parole "Die Seelen haben kein Geschlecht" zu emanzipieren suchten.

          Es ging bei dieser Emanzipationsanstrengung zunächst um den Zugang zu Bildung, um politische Chancen wie das aktive und passive Wahlrecht, um gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit. Dann aber stand zunehmend Höheres, Sublimeres, Abstrakteres, soll heißen: Abgeleitetes auf dem Spiel, schwerer auszumachende Formen der Benachteiligung, Rituelles, Symbolisches, eingeschliffene Redeweisen, "Blickregimes" und ähnliche vordergründig rein ästhetische Fragen. Beginnend in den späten siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fand ein von vielen, nicht nur weiblichen Köpfen der neuen Frauenbewegung mit Argwohn beobachteter dialektischer Salto statt: Mutterschaft, weibliche Instinkte, Matriarchatsmystik rund um "Gaia, die Mutter Erde", wurden Mode.

          Es geht nicht um Eierstöcke

          Weil das feministische Anliegen bis dahin vor allem als eins der Wahlfreiheit aufgetreten war, wie sich das in liberalen westlichen Demokratien gehört, mußte nun also auch die Wahl traditionellerer Weiblichkeitslebensformen und deren Vereinbarkeit mit modernen biographischen Optionen propagiert werden - was sein Gutes und Richtiges hat, aber auch dazu benutzt werden kann, das Argument "Biologie ist Schicksal" mit unerwarteter Vehemenz wiederzubeleben.

          Die britische Science-fiction-Autorin Gwyneth Jones hat darauf hingewiesen, daß es entgegen solchen Wiederbelebungsversuchen zwischen sozialen und biologischen Tatbeständen einen während der gesamten menschlichen Geschichte mühsam erstrittenen Unterschied gibt: "Wenn man Sie bittet, auf einem Formular Ihr Geschlecht anzukreuzen, dann will man nicht unbedingt wissen, ob Sie Eierstöcke haben, sondern ob sie zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen werden, beziehungsweise ob Sie vorhaben, auf Kosten von Arbeitgebern plötzlich ihrer soziopathischen Sucht nach Kindern nachzugehen."

          Reproduktionsverpflichtung revisited

          Vor den jüngsten demographischen Warnschüssen einer überalterten Gesellschaft war diese Differenz zwischen Natur und Kultur noch das Proprium "neuer sozialer Bewegungen", etwa der Leute, die den berühmten "grünen Mütterkongreß" ausrichteten, der 1986 unter dem Motto "Leben mit Kindern - Mütter werden laut" stattfand und unter anderem dazu führte, daß Feministinnen, die trotzdem keine Kinder kriegen wollten, sich von linken Genossinnen und Genossen als "Aquariumskarrieristinnen" anschwärzen lassen mußten.

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