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Familienpolitik : Unser Vorbild sei Island

  • -Aktualisiert am

Hier wird tatsächlich moderne Familienpolitik gemacht: Island Bild: AP

Wer angesichts der deutschen Kinderarmut nach einem Vorbild im europäischen Ausland suchen sollte, wird in Island fündig. Die vermeintliche Nation der Schafzüchter und Fischer ist alles andere als rückständig.

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          Wer angesichts der deutschen Kinderarmut nach einem Vorbild im europäischen Ausland suchen sollte, kann in Island fündig werden. Dort werden, neben Irland, europaweit die meisten Kinder geboren. Fast zwei pro Frau sind es dort im Mittel, und das ist fast eine Garantie für demographische Nachhaltigkeit.

          Aber was, bitte schön, sollen die Deutschen mit ihren 1,3 Kindern je Frau von den Isländern in Sachen Familienpolitik lernen? Die hohen Kinderzahlen in Island damit abzutun, daß es sich bei der Insel um eine Art europäisches Entwicklungsland handelt, wäre fahrlässig. Die vermeintliche Nation der Schafzüchter und Fischer ist alles andere als rückständig. In allen wichtigen Kennziffern für Entwicklung wie medizinische Versorgung, Bruttosozialprodukt, Bildungsstandard und Sozialleistungen liegt Island im internationalen Maßstab auf Spitzenplätzen - und (ähnlich wie Irland) weit vor den Deutschen.

          Weit über dem deutschen Niveau

          Wenn Island und Irland mittlerweile fortschrittlicher sind als Deutschland, die Kinderzahlen aber weit über dem deutschen Niveau liegen, dann paßt der Befund nicht ins Konzept. Die gängige Theorie zum Rückgang der Kinderzahlen sagt nämlich, daß diese parallel zu einer Modernisierung der Gesellschaft sinken. Tatsächlich haben alle Nationen diesen Prozeß auf dem Weg von der Agrar- in die Industriegesellschaft erlebt. Kinder, die einst eine ökonomische Bedeutung als Arbeitskräfte und Altersversorger hatten, verloren diese Rolle und wurden für ihre Eltern zum Kostenfaktor.

          Überdies bieten sich jungen Menschen in den entwickelten Ländern heute zahlreiche biographische Optionen: Während früher in bäuerlichen und frühindustriellen Familien die Heirat oft der einzige Weg war, einem patriarchalischen Elternhaus oder dem Dienstbotendasein zu entrinnen, können junge Menschen heute zwischen vielen Berufen, Wohnorten und Partnerschaftsformen wählen. Angesichts dieser Freiheiten entscheiden sie sich häufig gegen eine Familiengründung.

          Naturgesetzliche Zwangsläufigkeit

          Der Bevölkerungsforscher Herwig Birg spricht von einem „demographisch-ökonomischen Paradoxon“. Ausgerechnet jene Nationen, die es sich aufgrund ihres Wohlstands, ihres Bildungsgrads und ihrer technisch-medizinischen Möglichkeiten am besten erlauben könnten, Kinder in die Welt zu setzen, tun dies nicht. Für Birg folgt der demographische Niedergang moderner Gesellschaften fast einer naturgesetzlichen Zwangsläufigkeit. Der Preis für ökonomisch erfolgreiche Kulturen wäre demnach das Aussterben.

          Zum Glück widerlegen nicht nur Isländer und Iren, sondern auch Franzosen oder Schweden dieses vermeintliche Naturgesetz. Sozioökonomische Daten zeigen, daß sich der Zusammenhang zwischen Modernisierung und sinkender Fertilität in den hochentwickelten Nationen Westeuropas umgekehrt hat. Heute verzeichnen jene Industrienationen die höchsten Geburtenziffern, in denen die ökonomisch-gesellschaftliche Entwicklung am weitesten fortgeschritten ist. Die reichsten Länder wie Island, Luxemburg und Norwegen haben deutlich mehr Kinder als die ärmeren wie Portugal, Spanien oder Griechenland.

          Die Rolle der Frauen

          Noch deutlicher wird der Einfluß der Modernisierung bei einem Blick auf die Rolle der Frauen. Eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen als Folge der Gleichberechtigung geht tendenziell mit höheren Kinderzahlen einher. Auch hier ist Island Vorreiter: Fast neunzig Prozent der Frauen stehen im Beruf - und bekommen im Schnitt zwei Kinder. Wie unterschiedlich gut es in den verschiedenen Ländern möglich ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wird an der Veränderung der Erwerbstätigkeit von Frauen sichtbar, sobald sie Kinder bekommen.

          In den kinderreichen Ländern Island, Schweden, Norwegen und Frankreich sinkt die Erwerbstätigkeit von Frauen, anders als in Deutschland, praktisch nicht, wenn das erste Kind geboren ist. Die Familienpolitik hat dort über Jahrzehnte dazu beigetragen, daß ein Wertesystem entstanden ist, in dem erwerbstätige Mütter als Normalfall gelten. Entsprechend gibt es keine Diskussion um Rabenmütter. Und es gibt auch keinerlei Anzeichen dafür, daß die kleinen Isländer oder Franzosen depraviert aufwachsen würden.

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