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Familienpolitik : Ich Rabenvater

  • -Aktualisiert am

Ein Rabenvater? Bild: AP

Fast alle Väter sind Rabenväter: Sie sind für ihre Kinder nur selten da. Doch die Kinderbetreuung ist ohnehin besser für die Kleinen, als wenn sie bis zum dritten Lebensjahr allein mit ihren Eltern bleiben müßten.

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          Für Spielplätze habe ich mich länger nicht so interessiert. Aber seit auch ich ein Rabenvater bin, sind sie wieder wichtig. Rabenväter treffen sich samstags, Mütter eher unter der Woche.

          Es gibt Spielplätze, da sind die totalen Mütter und Väter zu beobachten und zu belauschen, andere, wo späte, überbetreute, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehende Einzelkinder, kleine Monster also, ihre angegrauten Eltern tyrannisieren. Es gibt Freiberuflerspielplätze, auf denen Väter sich zu einer Zeit tummeln, zu der sie, wenn sie denn einer geregelten Arbeit nachgingen, keine Zeit haben dürften. Und wo so mancher Vater seine Wichtigkeit durch lange Mobiltelefonate zu untermauern versucht. Telefonierende Mütter sind auf Spielplätzen viel seltener zu sehen.

          Ausnahmsweise wochentags auf dem Spielplatz, vielleicht weil er das Kind einmal früher abholen kann oder die Kita Schließtag hat, sitzt der Rabenvater zwischen all den madonnenseligen Müttern, links die Dose mit den Möhrenschnitzen, rechts die Apfelschnitze und die Flasche mit dem ungesüßten Biofencheltee. Mütter, deren Glück wie eine Glühbirne aufleuchtet, wenn ihr Kind sie anschaut oder ihnen einen Sandkuchen bringt.

          Er macht das nicht immer

          Dem Rabenvater, wenn er nicht gerade telefoniert, geht es eigentlich genauso. Nur hat er es besser. Er macht das ja nicht immer. Nicht jeden Tag. Dem nicht telefonierenden, nicht zeitunglesenden Rabenvater fällt vielleicht auch auf, daß einige, eigentlich die meisten Mütter zwischen ihren Glücksmomenten ganz normal aussehen. Nicht dauererleuchtet, wie auf den Milupa-Prospekten, sondern gelegentlich sogar genervt wirken, wenn das Kind wieder keine Sekunde alleine spielen will.

          Rabenvater zu sein ist nichts Besonderes. Fast alle Väter sind Rabenväter. Rabenvater wird man ganz leicht. Ob das Kind nun schon mit einem Jahr in den Kindergarten geht oder ob es ein paar Jahre zu Hause bleibt, Vater aber immer arbeitet und es nur am Wochenende sieht. Die, die ihre vollen Stellen behalten, sind Rabenväter. Die, die oft und, ohne es zuzugeben, gerne auf Geschäftsreise gehen. Die siebenundneunzig Prozent oder so, die kein Erziehungsjahr nehmen. Und die, die getrennt von der Mutter ihrer Kinder leben und ihre Kinder nur am Wochenende sehen, sowieso.

          Man hält das für normal

          Warum bin ich ein Rabenvater geworden? Ehrlich gesagt, ich wußte lange nicht, daß ich einer bin. Man hält das ja für normal. Erst meine Tante hat mich darauf gebracht, als sie erfuhr, daß unser kleines Rabenkind schon mit einem Jahr in den Kindergarten kam. Sie meinte, ich sei ein grausamer Mensch. Mit vier sei es noch zu früh. Das arme Kind. Das arme Kind habe wohl eine Rabenmutter, die sich gleich wieder gierig in ihr Berufsleben stürzen wolle. Und ich sei ein Rabenvater, das zuzulassen.

          Wie die Rabenmutter hat auch der Rabenvater gelegentlich ein schlechtes Gewissen, das sich mit bohrenden Fragen meldet. Was mache ich hier, wo mein Kind doch ganz woanders ist? Warum schaue ich auf diesen Bildschirm? Warum lese ich diese Zeitung? Wer hütet in diesem Augenblick das Kind? Was macht das Kind eigentlich in diesem Augenblick? Und wem verdanke ich es, daß ich diesen Artikel in Ruhe zu Ende lesen kann?

          Auch mal zu Hause bleiben

          Noch kurz bevor das erste Kind kommt, sagen zukünftige Rabenväter gern, daß sie dann, wenn das Kind da ist, auch mal zu Hause bleiben wollen. Und, sie können sich das so einrichten, auch von zu Hause aus arbeiten werden. Dann aber, nachdem sie das probiert haben, heißt es: Ach weißt du, das geht nicht, wenn ich zu Hause bin, will L., daß ich sie entlaste und dies und das und jenes tue. Und ich komme nicht zum Arbeiten.

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