https://www.faz.net/-gqz-q03b

Familienpolitik : Die Spitzenmütter

  • -Aktualisiert am

Akademikerinnen mit Kinderwunsch haben es nicht leicht Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Nichts paßt zusammen: Die Gesellschaft tut in ihrem Alltag so, als gäbe es keine arbeitenden akademischen Schwangeren und Mütter. Gleichzeitig verlangt sie von Akademikerinnen Kinder, Kinder, Kinder.

          6 Min.

          Sie überholen ihre Mitschüler am Gymnasium. Sie studieren so eifrig und schnell, wie es sich die Bildungspolitiker wünschen. Viele von ihnen leiten Forschergruppen in der Medizinforschung oder der Nanotechnologie. Das finden alle phantastisch.

          Diese Frauen brauchen wir, weil wir sonst zum ökonomisch-technologischen Wurmfortsatz Asiens werden, heißt es. Wir müssen sie fördern, weil sie so leistungsstark sind, sagen die Politiker. Unsere Tochter hat es zu etwas gebracht, sagen die Eltern. Wenn die Naturwissenschaftlerinnen dann Ende Zwanzig bis Mitte Dreißig sind, haben sie sich in einer Welt hineingefunden, in der Forschungsziele in einem weltweit vernetzten Wissenschaftssystem verfolgt werden, das auf ständiger Präsenz beruht. Dann hören sie immer vernehmlicher ihre biologische Uhr ticken. Das abstrakte Wissen darum, daß die Lebenserwartung auf achtzig Jahre gestiegen sein mag, aber trotz Biotechnologie die Fruchtbarkeit irgendwann von Mitte Vierzig an versiegt, tritt sehr konkret in ihr Leben.

          Eine schizophrene Gesellschaft

          Ebenso plötzlich erfahren die jungen Frauen, daß sie in einer schizophrenen Gesellschaft leben. Für ihre Leistungen werden sie bewundert. Aber sobald sie ihre Bedürfnisse als potentielle, werdende oder tatsächliche Mütter formulieren, stoßen sie auf eine Mauer des Unverständnisses. Die jungen Frauen, gerade noch von allen Seiten gelobt, finden sich in einer Gesellschaft wieder, die so konstruiert ist, als würden Ärzte ausschließlich Krankenschwestern heiraten, Ingenieure ihre Sekretärinnen, Professoren Studentinnen und als müßte sich alles entwickeln wie in einem Familienfilm der fünfziger Jahre.

          Sie hören ausgerechnet aus ein Zentrum der Spitzenforschung, vom Präsidenten der Harvard-Universität, Larry Summers, es könnte genetische Ursachen haben, daß so wenige Frauen wirklich Karriere in der Wissenschaft machen. Solches Denken ist ins Gewebe unserer Gesellschaft eingearbeitet. Es ist entlarvend, wie negativ über arbeitende Mütter mit akademischer Ausbildung gedacht wird und wie dürftige Mittel die Gesellschaft, vom Ministerpräsidenten bis zum Ehemann, ihnen zur Verfügung stellt, um ihren Alltag zu meistern.

          Neue Rollenmuster für Mann und Frau

          Noch ist nicht ins kollektive Bewußtsein gedrungen, daß zeitgenössische Familien immer häufiger aus zwei ähnlich qualifizierten Partnern bestehen, was die Nachfrage nach Kinderbetreuung steigert, neue Rollenmuster für Mann und Frau erfordert und die Personalpolitik verändern muß. Längst haben amerikanische Spitzenuniversitäten sich darauf eingestellt, Forscherpaare im Doppelpack anzuwerben und zu fördern.

          Und in Deutschland? Der konservative Politiker verhindert aus falsch verstandener Wirtschaftsfreundlichkeit familienfreundlichere Wissenschaftstarifverträge sowie flexiblere Regeln für Arbeits- und Auszeiten. Der Bischof läßt die Kindergärten seiner Diözese um drei Uhr schließen. Der Oberbürgermeister baut lieber eine neue Umgehungsstraße als einen neuen Kindergarten. Der Personalchef offeriert seiner schwangeren Mitarbeiterin ein Jahresgehalt, wenn sie einer verläßlich Kinderlosen Platz macht. Der Mann will eine hundertprozentige Spitzenforscherin und eine hundertprozentige Spitzenmutter - und selbst nicht die Windeln wechseln oder kochen.

          Nichts paßt zusammen

          Weitere Themen

          „Ein Wirtschaftssystem für reiche Männer“

          Oxfam : „Ein Wirtschaftssystem für reiche Männer“

          Oxfam prangert die Benachteiligung von Frauen durch ungleiche Arbeitsteilung in Familien an. Gefordert werden höhere Ausgaben für die Kinderbetreuung und gezielte Entwicklungshilfe für Frauen in ärmeren Ländern.

          Topmeldungen

          Demonstranten in Lausanne, einige Tage bevor sich die Wirtschafts- und Politikelite in Davos trifft. Nicht nur die Klimapolitik steht im Fokus der Protestler – auch der Kapitalismus.

          „Trust-Barometer“ : Deutsche zweifeln am Kapitalismus

          Nur noch jeder achte Deutsche glaubt, dass er von einer wachsenden Wirtschaft profitiert. Viele blicken pessimistisch in die Zukunft. Mehr als die Hälfte ist der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner jetzigen Form mehr schadet als hilft.
          Die Weichen werden gerade neu gestellt, es geht raus aus der Kohleförderung.

          „Soziale Wendepunkte“ : Wenn der Klimaschutz ansteckend wird

          Irgendwann kippt das gesellschaftliche Klima, dann kann es doch noch klappen mit dem Stopp der Erderwärmung. Eine Illusion? Forscher haben sechs „soziale Wendepunkte“ ausgemacht, die allesamt bereits aktiviert sind – und ein Umsteuern einläuten könnten.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : Die neue deutsche Rolle im Libyen-Konflikt

          Kann es wirklich Frieden geben in Libyen? Der politische Herausgeber Berthold Kohler und Nahost-Korrespondent Christoph Ehrhardt sprechen darüber mit Moderator Andreas Krobok. Außerdem: Wikipedia-Gründer Jimmy Wales über Fakenews und Sportwissenschaftler Professor Daniel Memmert über immer jüngere Fußballstars.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.