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Familienkasse im Supermarkt : Als ginge es den Kindern nur um Süßes

  • -Aktualisiert am

Da sitzen sie und halten nach Beute Ausschau: Auch vom Sitz des Einkaufswagens aus machen Kinder im Supermarkt Entdeckungen Bild: Picture-Alliance

Keine Süßigkeiten neben der Warteschlange: Die schwarz-rote Koalition wirbt für „quengelfreie“ Familienkassen in Supermärkten. Der Vorschlag hat mindestens einen Haken.

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          Ein Mann im Supermarkt. Ein etwa vierjähriger Junge legt eine Packung Süßigkeiten in den Einkaufswagen. Der Mann tut den Beutel zurück ins Regal. Der Junge mustert den Mann mit gerunzelter Stirn, legt die Packung wieder in den Wagen und verschränkt die Arme vor der Brust. Der Mann sagt: „Keine Bonbons!“, legt die Packung zurück ins Regal und schiebt den Wagen weiter. Die Augen des Kindes füllen sich mit Tränen, die Gesichtszüge entgleisen, und es beginnt, wie am Spieß zu brüllen. Immer noch schreiend, wirft es sich auf den Boden. Alle Umstehenden schauen zum Vater, der resigniert danebensteht. Ein Schriftzug wird eingeblendet: „Mit Kondom wäre Ihnen das nicht passiert.“

          Auch im wahren Leben und noch diesseits der Trotzphase hat der Supermarkteinkauf mit Kindern seine Tücken. Kaum hat man dem Trolley den Rücken zugewandt, hat sich der Sprössling einen Apfel oder eine Karotte gefischt und beißt strahlend hinein, während man selbst minütlich auf den Ladendetektiv oder entrüstete Ermahnungen von Miteinkäufern („Das muss man doch erst waschen!“) gefasst sein muss. Da Kinder für praktisch alles Verwendung haben, was man anfassen, aufmachen, umdrehen, ausdrücken oder ablecken kann, lauern in jedem Gang neue Attraktionen.

          Gutscheine und Batterien

          Die Kasse aber, jenes Nadelöhr, das der Inhalt des Wagens samt Kind irgendwie passieren muss, birgt die größten Herausforderungen. Zum einen helfen Kinder auch unaufgefordert gern dabei, Sachen aufs Band zu legen. Der Griff nach Eierkarton, Joghurtbecher oder Marmeladeglas kann da schon mal für Verzögerungen in der Abfertigung sorgen. Ein anderer Höhepunkt des elterlichen Einkaufserlebnisses ist die lautstarke Verkündigung dessen, was im Umkreis von zwei Metern ohnehin niemand überriechen kann.

          Die größte Hürde aber, ja nachgerade eine gesellschaftliche Gefahr, stellen offenbar die letzten Warenregale vor der Ausfahrt dar, also die Phalanx der Kaugummis und Schokoriegel. Weil dies den Erpresser in den meisten Kindern vollends zum Vorschein bringt, will die schwarz-rote Koalition zum Auftakt der Grünen Woche den Einzelhandel dazu auffordern, „quengelfreie“ Familienkassen einzurichten, ohne dickmachende Verlockungen in der Warteschlange.

          Auch auf die alles entscheidende Frage, was dort statt Süßwaren feilgeboten werden soll - als einigermaßen kindersicher dürften Zucchini, Tiefkühlkost oder Wasabi-Erbsen gelten -, hat man bereits eine Antwort: Gutscheine und Batterien. Damit ist klar: Meine Kinder und mich wird man an keiner Familienkasse antreffen. Denn nichts lieben sie mehr als jene Energie, die all die summenden, brummenden, bellenden, trällernden Spielsachen antreibt, deren Batterien laut elterlicher Auskunft angeblich „alle, alle“ sind. Von der anderen Energie, also jener, die man mit Schokolade auftankt, haben sie selbst genug.

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