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Familiengeschichten : Willkommen im wirklichen Leben

Fernsehfamilie vor dem Rückzug? Bild: AP

Die MTV-Show „The Osbournes“ soll nun doch weitergehen - obwohl die Familie des Altrockers Ozzy die Kameras leid ist. Der Spaß scheint vorbei zu sein.

          3 Min.

          Was haben wir Reality TV gehasst. All diese nervtötenden Selbstdarsteller, Möchtegern-Models und ach so ulkigen „Originale“, die sich in irgendwelchen Containern auf dem Sofa fläzten, nach ihrem verdienten Rauswurf trotz unüberhörbarer Unbegabung CDs aufnahmen, unterirdische Shows auf viertklassigen TV-Kanälen moderierten oder unter ihresgleichen bemitleidenswerte Kinder zeugten: Es ist so schön, dass wir von ihnen heute kaum mehr etwas hören oder sehen müssen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dann aber kamen die Osbournes. Und siehe da, wir haben Reality TV geliebt.

          Seit dem Frühjahr dieses Jahres laufen „The Osbournes“ auf MTV, in Deutschland im Original mit Untertiteln. Den Hauptdarsteller und Familienvater Ozzy Osbourne kennen ältere Zuschauer noch als Sänger der Heavy-Metal-Combo „Black Sabbath“, eine Vergangenheit, die der nun 53 Jahre alte Altrocker nicht verbergen kann: Nicht nur sein Gehör verweigert ihm häufig den Dienst, auch seinen müden, mit Tattoos übersäten Körper schleppt er offensichtlich nur unter Mühen durch seine Villa im noblen Beverly Hills.

          Ozzy McBeal

          Ohne seine Frau und Managerin Sharon wäre der Mann, der auf der Bühne gern Angst und Schrecken verbreitet, im täglichen Leben absolut hilflos. In tiefste Verwirrung stürzen ihn Küchengeräte oder Videorekorder, seine Autorität akzeptieren weder seine mit Teenager-Nöten kämpfenden Kinder Kelly und Jack noch die jeden Teppich nässenden Hunde, und wenn Ozzy wieder einmal eine Situation nicht durchschaut, blickt er derart konsterniert, wie es im Fernsehen außer ihm nur noch Ally McBeal vermag.

          Seit sich Sharon, Ozzy, Kelly und Jack von den MTV-Kameras beobachten lassen, wissen Millionen vom alltäglichen Wahnsinn, der sich im Hause der Osbournes abspielt. Eltern und Kinder schreien einander an, treiben sich gegenseitig zur Weißglut, finden bemerkenswert vielfältige Einsatzmöglichkeiten für das Wort „Fucking“. Und haben sich dennoch lieb. Ozzy Osbourne, der in der Serie auf gnadenlos komische Weise sein Rockstar-Image demontiert, und sein ebenso unvollkommener Anhang sind die Karikatur einer Familie, deren heiligen Wert sie gleichwohl hochhalten, indem sie trotz allem zueinanderstehen.

          Eine Audienz bei den Osbournes

          Anders als die „Big Brother“-Emporkömmlinge schienen die Osbournes nach den Kameras nicht zu gieren, sondern ihnen gönnerhaft eine Audienz zu gewähren. Berühmt waren sie ja schon, zumindest Ozzy, und die paar Fernsehmenschen schienen das Chaos im stets offenen Haus nicht wirklich größer zu machen. Dass MTV die Bilder in spielerisch leichter Weise zu einer extrem unterhaltsamen Soap zusammenschnitt, verstärkte den Eindruck, dass hier alle alles im Griff hatten.

          Es ist aber wohl nicht so. In einem Interview mit dem amerikanischen Sender ABC, das an diesem Mittwoch ausgestrahlt wird, hat sich die Matriarchin Sharon über das Leben mit den Kameras beklagt. Gegenüber der Star-Interviewerin Barbara Walters kündigte sie das nahe Ende der Serie an: „Wir können nicht mehr weitermachen.“ Wenn man krank sei, so die an Darmkrebs leidende Sharon, dann wolle man einfach allein sein. Sie aber könne sich nicht in Ruhe übergeben, Ozzy nicht in Ruhe trinken: Man habe keine Privatsphäre mehr.

          Vertrag ist Vertrag

          Mit diesem ernüchternden Fazit ist die Illusion zerstört, das Fernsehen könne einer so robusten Sippe wie den Osbournes nichts anhaben. Und spätestens mit der Reaktion des MTV-Präsidenten Van Toffler umweht auch „The Osbournes“ jener unappetitliche Hautgout, der dem Genre Reality-TV grundsätzlich anhaftet. Für Toffler nämlich ist Sharon Osbourne keine kranke Frau mit Recht auf Privatsphäre, sondern eine Vertragspartnerin, die sich für 20 weitere Folgen verpflichtet hat.

          Sie mache wohl gerade eine schwierige Zeit durch und habe sich Luft machen müssen, erklärte Toffler, dessen Sender noch vor Ausstrahlung des Walters-Interviews eine Erklärung Sharon Osbournes veröffentlichte, in der sie das vorzeitige Aus der Show dementierte. Er wisse ja, dass man nicht alles glauben dürfe, was sie erzähle, habe Sharon ihm am Telefon gesagt, so Toffler, der angesichts der Flatterhaftigkeit Sharon Osbournes längst so etwas wie einen „eisernen Magen“ entwickelt haben will: eine ob der Erkrankung Sharons besonders geschmackvolle Metapher.

          Der Spaß ist vorbei

          Ob es nun tatsächlich noch weitere 20 Folgen der „Osbournes“ geben wird oder nur 10: Die Unschuld dieser Serie ist nunmehr dahin. Weil offensichtlich ist, dass selbst ein anarchistischer Clan wie derjenige Ozzys den zynischen Gesetzen des Marktes beugt. Und weil Sharon Osbourne selbst zugibt, wie sehr sich ihre Familie seit dem MTV-Abenteuer verändert hat. Ihre beiden Kinder verfügen nun über eigene Anwälte und Manager; Kelly wird demnächst - das schlimmste „Big Brother“-Symptom - eine CD veröffentlichen.

          Der Spaß ist vorbei. Die wunderbare Reality-Show „The Osbournes“ ist, was wir aufrichtig bedauern, von der traurigen Realität eingeholt worden.

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