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Familienforschung : Ich bin der Sherlock Holmes der Genealogie

  • -Aktualisiert am

Für Jahn ein „alter Bekannter”: Friedrich Schiller Bild: AP

„Hitlers Familiengeheimnis“ glaubt er ebenso zu kennen wie den Code von Friedrich Schillers Totenschädel: Ein Besuch bei dem Sippenforscher Ralf Jahn, der verborgenen Linien der Abstammung nachspürt.

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          Als sie nachts den Sargdeckel öffneten, schaute er bei der Exhumierung zu und freute sich, dass man ausgerechnet ihm den Transport der fachmännisch verpackten Knochen antrug. Zwar fehlte in seinem Koffer der Kopf, und gerade bei einem klassischen Dichterfürsten ist so ein Schädel nicht ohne Bedeutung. Doch die nächtliche Knochenarbeit im Schiller-Sarkophag war eine ungleich handfestere Sache als die Zettelwirtschaft im heimischen Dachgeschoss zu Geldern. In dem Moment, da Ralf Jahn in Weimar die Knochen Friedrich Schillers schleppen durfte, war dem Familienforscher euphorisch zumute: „Es war“, sagt der Mann, der dreieinhalbtausend Verwandte Schillers namentlich benennen kann, „als hätte ich plötzlich einen alten Bekannten getroffen.“ Der Bekannte selbst blieb stumm wie seit zweihundert Jahren.

          In Geldern, im Esszimmer eines Einfamilienhauses, dessen Fenster auf eine Tanne im Garten hinausgehen, stehen einige Zeit später großzügig beladene Teller auf dem Tisch. Viel Spargel. Noch mehr Schinken. Reichlich Soße. Der Mann am anderen Ende des Tisches rutscht unruhig hin und her: ein schlaksiger Anzugträger Anfang vierzig, grauer Scheitel, große Brille. Ralf Jahn bringt es nicht übers Herz, das mehrgängige Mittagessen der Mutter abzukürzen. „Die Suche nach den richtigen Schiller-Gebeinen ist nicht alles“, sagt Jahn beim Abräumen. „Sie müssen mehr sehen, um meine Leidenschaft für diese Detektivarbeit verstehen zu können.“

          Riesige Stammbaum-Tafeln

          Tatsächlich erinnert hier, auf dem platten Land, in einer wohlsortierten Wohnsiedlung, an Leidenschaft recht wenig. Auf der Sitzfläche des Biedermeiersofas allerdings liegt der Gegenbeweis in Form großformatiger Papierrollen. Jahn rollt sie auf dem Esstisch aus, als handle es sich um jene magischen Karten, mit denen einst die „Time Bandits“ aus Zeit und Raum hinauszufinden wussten. Der Fachmann erkennt es gleich: riesige Stammbaum-Tafeln, ebenso wild wie feinsäuberlich verästelt. „Wussten Sie, dass die dänische Königin auch von Mohammed abstammt?“, fragt er. „Dass Karl der Große Millionen von Nachkommen hat, zu denen nachweislich auch Paris Hilton zählt?“

          Den Stammbaum Hitlers kennt Jahn in- und auswendig
          Den Stammbaum Hitlers kennt Jahn in- und auswendig : Bild: ASSOCIATED PRESS

          Nein, sagen wir kleinlaut, das Beziehungsgeflecht der Hotelerbin war ja schon immer eher undurchsichtig. Und auch die Sache mit den Hitlers, von der Jahn zu erzählen versprochen hat, sei uns in dieser Form nicht recht geläufig.

          „Ja, ja“, sagt Jahn, „das ist das Tolle an der Genealogie.“ Er hat für dieses Unwissen Verständnis. Mit diesem Unwissen verdient er sein Geld. Zu seinen Auftraggebern zählen Adelsfamilien, die anstelle des dritten Geländewagens in einen Ausflug durch die Unwegsamkeiten der Geschichte investieren, mal mehr und mal weniger gefasst auf unerwartete „Kuckuckskinder“. Fernsehsender, die sich den Kopf um alte Köpfe zerbrechen. Seefahrtsforscher, die um Auskünfte zu Piratenkönigen bitten. Oder schlicht Privatleute, die selbst mit einer computergestützten Hobby-Genealogie an die Grenzen des Machbaren stoßen und nun auf einen promovierten Historiker setzen, der alte Urkunden zu lesen und Titel, Ortsnamen, Verwaltungsgebiete quer durch die Jahrhunderte durchzudeklinieren versteht.

          Zurück bis zum Dreißigjährigen Krieg

          „Je nach Zeit- und Rechercheaufwand“, so Jahn, „lassen sich Familiengeschichten bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen. Aus den Jahren nach dem Krieg sind häufig Kirchenbücher erhalten, die mit dem Konzil von Trient eingeführt worden waren.“ Mit Glück, sagt er, gerate man bei der Rekonstruktion viel weiter in die Geschichte hinein. Mit Pech an uneheliche Kinder oder formale Schlampereien, „und das war's dann oft, zumindest vorerst“. Ralf Jahn sieht sich als Dienstleister. Auf seiner Internetseite, einer Visitenkarte offenbar der ersten Stunde noch, stellt er sich als „Sherlock Holmes der Genealogie“ vor.

          Jahn interessierte sich schon als Schüler für alles, was nicht im Lehrplan stand. Das Geschichtsstudium verbrachte er mehr in Antiquariaten als im Hörsaal, horchte auf, als er vom Nachlass des Genealogen Wilhelm Karl von Isenburg hörte, und am Beispiel des Kaisers Augustus belegte er in seiner Magisterarbeit, „dass die biologische Kontinuität in der Antike größer war als angenommen“; sie ist wohl einfach nicht zu stoppen, diese Biologie.

          Vom Hölzchen aufs Stöckchen

          Ständig fallen ihm beim Reden nun neue Namen ein, die sich mit Hilfe eines kurzen „übrigens“ verbinden lassen wie zwei Orte auf einer Landkarte: von George Bush zu den zweihundert wichtigsten Familien in Nordamerika, zur Mayflower und zur Königin von England. Oder von „den meisten“ württembergischen Professoren und Pfarrern zu zwei offenbar potenten Theologen der Reformationszeit. Für einen Mann, der sein Tagewerk über Stammbäumen verbringt, ist es ein beruhigendes Zeichen, dass seine Gedanken wie automatisch vom Hölzchen aufs Stöckchen gelangen, und er würde zweifelsohne selbst das Familiengeflecht von König Alfons dem Viertelvorzwölften klären, würde die Wilde 13 ihn nur danach fragen.

          Beunruhigend ist nur der leise Zweifel, der sich bei den Besuchern einstellt: Stammen wir am Ende nicht doch alle von Adam und Eva ab? Fast könnte man meinen, an diesem Nachmittag einem Mormonen begegnet zu sein; die schaffen es bekanntlich wie keine anderen, alle Familien und Generationen in Gedanken unter einen Hut zu bringen. Aber nein, Mitglied ist Jahn nur im Rat der Stadt Geldern.

          Hitlers Familiengeheimnis

          Sein Tisch ist bald großflächig mit Papier bedeckt. Auf dem größten der Bögen hätte ein Architekt locker diverse Wohngebiete untergebracht; er will mit beiden Händen auseinandergehalten werden, was ein wenig nervt, jedoch nicht weiter schlimm ist. Denn den Stammbaum Adolf Hitlers kennt Jahn in- und auswendig. Seit Jahren arbeitet er an einem Buch, dessen Manuskriptseiten mittlerweile mehr als einen prallen Aktenordner füllen. Wenn es herauskommt, sagt Jahn, soll es den Titel „Hitlers Familiengeheimnis“ tragen: ein Nachschlagewerk („Fakten, Fakten, Fakten“, sagt Jahn) zu einer niederösterreichischen Familie, die einen Volksverhetzer und Massenmörder hervorbrachte „und so viele andere Familien beeinflusste“.

          Zwar gehen natürlich alle Hitler-Biographen auch auf die Abstammung Hitlers ein; die ersten Stammbäume liegen schließlich schon zu Lebzeiten Hitlers vor. So richtig aber, meint Jahn, habe die Forschung sich mit der Familiengeschichte nicht beschäftigt - zumindest nicht in der Detailliertheit, mit der nun Jahn mehr als achthundert Verwandte Hitlers aufspürte: Er folgt den Vorfahren Hitlers bis in das Jahr 1571 und kann mit Gewissheit sagen, dass sich diese Familie aus ihrem Hinterwäldler-Umfeld jahrhundertelang nicht hinausbewegte.

          Einen Markt gibt es sicher

          Wofür man dieses Wissen braucht? „Na ja“, sagt Jahn, „es ist schon etwas anderes, ob man mit Hitler verwandt ist oder beispielsweise mit Goethe. Hitler machte die Genealogie einst zu einem Politikum. Doch wie stand es mit ihm selbst?“ Ein Sprecher des Verlags, bei dem das Buch eines Tages erscheinen soll, sagt später am Telefon: „Für die Gesamtdokumentation der Familie gibt es sicherlich einen Markt. Aber es ist auch klar, dass das kein zweiter Harry Potter wird.“

          Ralf Jahn meint, erst wenn man alle bekannten und unbekannten Details zusammentrage, könne man mit Gerüchten aufräumen wie jenen, Hitler sei ob geisteskranker Verwandtschaft ebenfalls geisteskrank im medizinischen Sinne gewesen (die Verwandtschaft freilich gibt es) oder habe einen unehelichen Sohn (es gibt ihn nicht). Er, Jahn, werde auch belegen, dass Hitler keine jüdischen Vorfahren hatte (aber einen „Stiefurgroßneffen“, der zum orthodoxen Judentum konvertierte und nun an einer israelischen Universität lehrt) - eine Frage, die der Diktator selbst erst habe klären müssen, um anschließend, wie Jahn meint, erleichtert eine weitere Verschärfung der antisemitischen Maßnahmen anzuordnen.

          Der Sohn der Kusine von Eva Braun

          Erst vor kurzem spürte der „Sherlock Holmes der deutschen Genealogie“ den Namen des Sohnes der Kusine von Eva Braun auf. Der fehlte gerade noch. Ein stiller Triumph, auch wenn er noch lebende Familienangehörige Hitlers namentlich nicht nennen möchte. Schon länger hingegen wisse er, wo die Nachkommen Hitlers leben, bei Linz und vor allem in Amerika - unter einem zweifelhaften Decknamen: Die bei New York wohnenden drei Enkel von Hitlers Halbbruder Alois tragen heute den Alibi-Namen Stewart Houston, der frappierend an den von Hitler verehrten Antisemiten Chamberlain erinnert.

          Ralf Jahn geleitet uns zur Tür. Er muss wieder zurück an seinen Schreibtisch, um der Fährte eines Adeligen zu folgen, der sich seines Titels vergewissern möchte. Und er muss wiederum zu einem Friedhof fahren, diesmal nach Bonn. Wiederum wird es dort Nacht, und wiederum befördern sie alte Gebeine zutage, die Charlotte von Schiller und ihrem zweitältesten Sohn Ernst gehören sollen. „Noch ein spannender Moment“, sagt Jahn. Er war es, der den Anthropologen und Fernsehleuten, die den „Schiller-Code“ knacken wollen und schon in Weimar gemeinsam mit der Klassik-Stiftung die Exhumierung vorantrieben, den für die auf sogenannte „mitochondriale DNA“ angewiesene Genanalyse entscheidenden Hinweis auf ein passendes Verwandtengrab gab. Mehr darf er nicht verraten.

          Wenn alles klappt, soll die Kulturwelt im November einen kurzen Moment innehalten: weil sie dann weiß, wie einer der beiden in Frage kommenden Totenschädel Schillers mit den Beinen zusammenhängt, die man nachts bereits durch Weimar trug - pietätvoll, wie Jahn versichert.

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