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Familien : Sie leben von uns

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Das Paradies der Kindheit Bild: AP

Was ist anspruchsvoller, als Kinder zu erziehen? Hausmütter oder -väter zeigen ihren Kindern die ganze Vielfalt des Lebens. Das wechselnde Personal von Kindergärten und -krippen könnte so etwas nie leisten.

          6 Min.

          Ein altes Foto zeigt ein Kind auf einer Wippe. Verwandte sagen: Das bist du. Niemand kennt sich noch aus seinen ersten Jahren, niemand weiß, wie er laufen und sprechen gelernt hat. Die eigene frühe Kindheit findet man im Bauch, in der Brust, man spürt ihr mit den Sinnen nach.

          Im Kopf jedenfalls ist sie nicht. Schichten verschwommener Eindrücke aus Erzählungen, Fotografien und alten Super-8-Filmen überlagern sich. Was davon sind Erinnerungen? Alle Sinne waren damals offen für Geräusche, Gerüche, Bilder, Berührungen, Seligkeit, Angsteinflößendes.

          Mach mal die Augen zu und halte die Hände auf, sagt jemand, und dann spürst du plötzlich wieder das warme Fell des jungen Kaninchens auf der Haut und das Pochen seines flatternden Herzens. Unwillkürlich öffnet das Nachspüren größere Räume. Oben am Hang ein grauer Schuppen mit hohen Brennesseln am Tor, zwei Mädchen stehen wartend daneben. Angst steigt den Nacken hoch. Warum? Das nagelnde Prasseln von Regen auf ein Blechdach und man selbst geschützt darunter. Die roten Flecken der heimlich gepflückten Erdbeeren auf dem hellen Kleid, die alles verrieten. Das triumphale Glücksgefühl auf den Schultern des Vaters beim Nachhauseweg durch eine Sternennacht. Die Mutter fröhlich plaudernd an seinem Arm.

          Grenzenloses Vertrauen

          Kleine Kinder nehmen in grenzenlosem Vertrauen alles unterschiedslos an, denn sie wissen nicht, was ihnen schadet oder nützt. Ein ähnlich grenzenloses Vertrauen scheinen immer mehr Eltern in das wechselnde Personal von Kinderkrippen zu haben. Das ist verwunderlich, denn Kinderärzte und -psychologen predigen seit mehr als hundert Jahren, daß Kleinkinder eine feste, kontinuierliche Bindung mit viel Liebe und Geborgenheit brauchen und bei der Trennung von der Mutter seelische Schmerzen erleiden, die ihr Innenleben nachhaltig verstören können.

          Als überholtes Gedöns kann man das kaum abtun, denn die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigen nicht nur diese alte Lebenserfahrung, sie gehen noch darüber hinaus. „Sozioemotionale und intellektuelle Fähigkeiten“, so ist das Fazit einer neurobiologischen Untersuchung der Universität Magdeburg an Säugetieren, hingen ab von der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung im frühen Lebensalter. Eine Unterbrechung dieses Kontaktes führe zu synaptischen Veränderungen im Gehirn und spiele bei „emotionalem Verhalten, Lernen und Gedächtnisbildung“ eine grundlegende Rolle.

          Die nichtstoffliche Ernährung

          Bei den Kleinsten haben die Wege der Verständigung zunächst mit Sprache wenig zu tun, eher mit Lauten und Satzmelodien, welche die Tätigkeiten im ganz normalen Alltag begleiten. Stimmungen, Spannungen, Aufgeregtheiten, Fröhlichkeit sind die Hauptseminare der Kinder. Diese nichtstoffliche Ernährung ist für Kleinkinder so wichtig wie Essen und Trinken.

          So wie sich Pflanzen für ihr Gedeihen Mineralstoffe aus dem Boden holen, ziehen sich die Kinder sie aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Da kann nur die beste Nahrung gut genug sein, denn sie muß für ein ganzes Leben reichen. Alles, wirklich alles, was im Umfeld kleiner Kinder auf ihre Sinne einwirkt, durchströmt sie bis in die Fingerspitzen, formt sie bis in die Gehirnstrukturen hinein, beeinflußt ihre Intelligenz, ihr Temperament und mischt sich mit all den Veranlagungen, die sie schon in die Welt mitgebracht haben.

          Ihre Chiffren für die Welt

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