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Familien in Frankreich : Paläste zu Krippen

In Deutschland geht die Zahl der Kinder zurück - in Frankreich nicht Bild: picture-alliance / dpa

In Frankreich wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht diskutiert, sie wird praktiziert - und quer durch alle Parteien akzeptiert. Die Wahlfreiheit in der Lebensplanung hat positive Wirkung auf die Geburtenrate.

          6 Min.

          Der Kindersegen kam wie der Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft. Unvorbereitet, aber doch irgendwie geplant. Seit Ende der neunziger Jahre erlebt Frankreich einen Babyboom, der auch deshalb für Aufsehen sorgt, weil die Entwicklung in Deutschland entgegengesetzt verläuft.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Im Jahr 2004 liegt die französische Geburtenrate bei 1,9, während sie in Deutschland ihren Niedergang bei 1,3 fortsetzt. Im Land der Fünfunddreißigstundenwoche, das wie Deutschland an hoher Arbeitslosigkeit, Reformangst und chronischem Haushaltdefizit krankt, läßt sich die Gebärfreudigkeit nicht auf religiöse Überzeugungen oder heile Familienstrukturen zurückführen.

          Gerade wurde der dreißigste Jahrestag des „Loi Veil“ begangen, jenes von einem rechtsbürgerlichen Präsidenten angeregten Gesetzes, das Abtreibung auf Krankenschein garantiert. Die Scheidungsrate liegt auf genauso hohem Niveau wie in Deutschland, und auch die Zahl der Alleinerziehenden und unverheirateten Eltern wächst stetig. Vielleicht trägt die Mischung aus umfangreichen Kinderbetreuungsmöglichkeiten, finanziellen Erleichterungen für Familien und gesellschaftlicher Anerkennung des Kinderreichtums dazu bei, daß den Franzosen die Entscheidung für Nachwuchs leichter fällt als den Deutschen. „Die französischen Frauen haben eine Wahlfreiheit errungen, die ihnen kein Mann mehr streitig machen will“, meinte die inzwischen verstorbene Journalistin Françoise Giroud, Autorin der „Femmes françaises“.

          Als Zweijähriger in die „Schule“

          Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Frankreich nicht diskutiert, sie wird praktiziert - und quer durch alle Schichten und Parteien akzeptiert. Wenn wie jedes Jahr im September Hunderttausende von Zwei- und Dreijährigen zum ersten „Schultag“ an der École maternelle an der Hand von Vater oder Mutter aufbrechen, bewegt die Nation nicht die Frage, ob die Kleinen nicht besser zu Hause bei der Mutter aufgehoben wären.

          Die meisten Eltern wissen nicht einmal das kostenaufwendige Angebot zu schätzen, das von den Kommunen durch erweiterte Betreuungszeiten im selben Gebäude ergänzt wird. Seit mehr als einem Jahrhundert haben die wörtlich übersetzt „mütterlichen Schulen“ einen festen Platz in den Familien erobert. 99 Prozent aller Dreijährigen besuchen die kostenlosen Ganztagsschulen. Das Personal hat eine Lehrerausbildung absolviert und gehört dem staatlichen Schulwesen an.

          Keine „Verwahranstalt“

          Schon das begründet den Anspruch, nicht „Verwahranstalt“ zu sein, sondern zur geistigen Entwicklung der Kinder einen wichtigen Beitrag zu leisten. Besonders in den Großstädten melden viele Eltern ihre zweijährigen Kinder zur École maternelle an und schreiben bittere Briefe, wenn ihr Wunsch etwa aus Platzmangel abgelehnt wird. Im Landesschnitt werden vierzig Prozent aller Zweijährigen in den aus Steuergeldern finanzierten Einrichtungen betreut.

          Angstbeladene Debatten über den möglicherweise schädigenden Einfluß früher Fremdbetreuung auf die kindliche Entwicklung finden in Frankreich nicht statt. Zwar zelebrieren Kinderbekleidungs- und Spielzeughersteller das „enfant-roi“ und setzen auch französische Eltern unter Konsumdruck. Aber die Vorstellung des elterlichen „Opfers“ zugunsten der Kinder ist der französischen Gesellschaft fremd, der Entfaltungswunsch der Eltern gilt als selbstverständlich. „Man sollte sich nicht zu viele Fragen stellen“, sagt Clara Gaymard, die nicht versteht, wie die Freude an der „natürlichsten Sache der Welt“ durch Erwägungen über Absicherung und berufliches Fortkommen abhanden kommen kann.

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