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Familien in Amerika : Revolutionärinnen gesucht

  • -Aktualisiert am

Familienbild aus Amerika Bild: AP

Kult ums Kind: Die Mutterschaft in Amerika ist nach Ansicht von Kritikern zur selbstzerstörerischen, unerbittlichen Leistungsschau ausgeartet. Frauen rufen nun zum Kampf gegen diesen Perfektionismus auf.

          6 Min.

          Ein Chef, der im Laufe von acht Jahren knapp zweihundert Millionen Dollar einsäckelt, sollte sich eine Sekretärin leisten können, die nicht nur Assistentin heißt, sondern zweihundertvierzigtausend Dollar im Jahr verdient. Dennoch war der Aufruhr groß, als die alten Lohntüten der Assistentin von Richard A. Grasso inspiziert wurden, dem Übermacher, der wegen großzügiger Selbstbedienung die Leitung der New Yorker Börse aufzugeben hatte.

          Wie sparsam Grasso zumindest in diesem Fall haushielt, suchte prompt der Finanzguru Jeffrey Epstein den staunenden Schlechterverdienenden Amerikas klarzumachen, indem er darlegte, daß er gleich drei Assistentinnen beschäftigt und jeder ein jährliches Minimum von zweihunderttausend Dollar garantiert. Einer von ihnen, die voriges Jahr ihren Job aufgeben wollte, weil sie ein Kind erwartete, spendierte er dazu einen Mercedes und eine Vollzeit-Nanny. „Es war ganz undenkbar“, so Epstein, „daß ich Lesley an die Mutterschaft verlieren könnte.“

          Weit offene Einkommensschere

          Wie so oft sind in diesem Land die Möglichkeiten unbegrenzt, vor allem von einer gewissen Gehaltsklasse an, und dabei ist die sich immer weiter öffnende Einkommensschere nicht ganz ohne Nutzen. Auch ein paar Stufen unterhalb der neun- und zehnstelligen Vermögen kann es sich eine Mutter, die mehr Zeit in einem „trading room“ an der Wall Street verbringt als in ihrem Haus in Connecticut, leisten, für ihre beiden Kinder drei Nannies zu beschäftigen, natürlich neben den obligaten Haushaltshilfen.

          Daß der Nachwuchs dann erst einmal spanisch spricht, wird als frühpädagogische Maßnahme umgedeutet, wenn nicht gar als Stellungsvorteil in dem schon vor der Geburt einsetzenden Gefecht um einen Platz in exklusiven Kindergärten, Schulen und Universitäten. Die Nanny-Skandale, die regelmäßig eine für ein hohes politisches oder juristisches Amt vorgesehene Frau und gelegentlich sogar einen Mann in Bedrängnis bringen, weil sie Sozialabgaben nicht bezahlt oder gegen Einwanderungsgesetze verstoßen haben, mögen eine Ahnung von der steigenden Frequenz solcher Arrangements geben.

          Anfällig für Gewissensbisse

          Und doch sind auch diese erfolgreichen, ihr Leben virtuos delegierenden Karrierefrauen anfällig für Gewissensbisse. So haben es uns zumindest Reportagen von der Familienfront glauben gemacht, geradezu sensationelle Berichte über Abteilungsleiterinnen und Vizepräsidentinnen, die es zurück in die Hausfrauenrolle drängte. Dabei sollte die „opt-out revolution“, wie sie Lisa Belkin etwa im Sonntagsmagazin der „New York Times“ beschrieb, durchaus nicht aufs feministische Gütesiegel zu verzichten brauchen. Denn wer, frei von finanziellem oder gesellschaftlichem Druck, sich um die Kinder kümmern will, handelt so souverän, wie es einer gelehrigen Leserin von Betty Friedans „Weiblichkeitswahn“ geziemte. Der Karriereweg wurde der Mutter ja nicht versperrt, sie hat ihn selbst ausgeschlagen.

          Ein postfeministisches Ideal? Oder ein ausgewachsener Selbstbetrug? Abgesehen davon, daß sie nur einer professionellen Oberschicht vorbehalten war, scheint die „opt-out revolution“ nur sporadisch stattzufinden. Neil Gilbert, in Berkeley für die Wissenschaft vom sozialen Wohl zuständig, hat nach dem sensationellen Trend Ausschau gehalten und bis auf ein paar evokative Anekdoten nichts gefunden.

          Mehr Frauen ohne Kinder

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