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Zukunftspläne : Schluss mit dem Druck!

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Auch für ein Studium muss man sich erst mal entscheiden, und selbst danach ist nicht alles klar: Absolventen der Internationalen Universität Bremen Bild: AP

Weißt du schon, was du werden willst? Abiturienten müssen sich entscheiden – und nicht wenige bekommen mitten im Prüfungsstress auch noch die Erwartungen ihrer Familien aufgehalst.

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          Vielleicht ist es das größte Problem in unserer westlichen Welt, dass wir alle zu viele Möglichkeiten haben. Wie soll man sich bei dieser Fülle an Alternativen noch vernünftig entscheiden können? Mir zum Beispiel geht es so, dass mir jedes Mal, wenn ich gerade ansatzweise das Gefühl habe, herausgefunden zu haben, was mich wirklich interessiert, schon wieder die nächste verlockende Option über den Weg läuft und mich aufs Neue total verwirrt. „Wie haben das denn alle anderen vor mir gemacht?“, fragt man sich ständig. Gab es da so einen Erleuchtungsmoment, in dem man plötzlich wusste: Das ist es, was mir die ganze Zeit fehlte?

          Wenn man, so wie ich, nicht zu dem einen Prozent gehört, das bereits von kleinauf wusste, dass es Feuerwehrmann oder Bodyguard werden will, dann kann man ja nur verrückt werden bei der Wahl zwischen einer Million Möglichkeiten. Studieren? Ausbildung? Oder doch erst noch ein Jahr freinehmen und schauen, vielleicht passiert ja ein Wunder, und ich habe mich in zwölf Monaten, wie man so schön sagt, plötzlich selbst gefunden. In der Schule versuchen alle ständig, einem dabei zu helfen, sich richtig zu orientieren und durch Berufs- und Studienberatungen die Wahl einfacher zu machen. Doch was fehlt, ist das Verständnis für die Abiturienten. Dass sie neben dem Prüfungsstress und der Planung ihrer Zukunft plötzlich Angst vor der Erwartung der anderen bekommen könnten, macht niemand zum Thema.

          Berufswunsch: Doppelleben

          Niemand sagt einem, dass es vollkommen normal ist, wenn einem so ein ekliger Druck auf der Brust lastet oder man ständig kurz vorm Nervenzusammenbruch steht, weil man sich mal wieder zu sehr auf sich selbst und seine Zukunft konzentriert hat. Und viele Schüler denken daher, sie wären ganz allein mit diesen Angstzuständen. Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, was ich werden will, wenn ich einmal groß bin, hätte ich überzeugt geantwortet: „Ich studiere Psychologie.“ Und hätte man mir daraufhin gesagt: „Na ja, das kann sich ja auch noch mal ändern“, wäre ich stinksauer geworden. Ich habe es gehasst, wenn man mich nicht für voll genommen hat.

          Als Grundschulkind war ich mir ganz sicher, ein Doppelleben wäre meine Zukunft. Auf der einen Seite eine weltberühmte Opernsängerin, auf der anderen eine welterobernde Stewardess, war mein Berufswunsch: eine singende Flugbegleiterin. Heute habe ich plötzlich keine Idee mehr, wo es langgehen soll. Doch irgendwie stört mich das auch nicht mehr so wie noch vor einem Jahr. Ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet, nicht zu wissen, was ich will. Ich habe mich mit dem Gedanken angefreundet, erst einmal keine endgültigen Entscheidungen zu treffen. Und damit meine ich nicht, dass man sich nach der Schule auf die faule Haut legen darf oder jeder auf dieser Welt solch ein gutes Leben führen kann wie ich. Mir ist natürlich klar, dass nicht alle so frei sind, sich die Zeit für ihre besonderen Interessen nehmen zu können. Doch auch diejenigen unter uns, die nach der Schule direkt ins Leben geschmissen werden und viel Geld verdienen müssen, um sich zum Beispiel ihr WG-Zimmer oder die eigene Wohnung zu finanzieren, müssen sich ja nicht schon mit 18 Jahren auf einen einzigen Weg festlegen. Man kann immer irgendwo jobben, ohne einen endgültigen Plan zu haben.

          Freiheit kann auch nerven

          Die ganze Schulzeit über habe ich den Druck gespürt, mich zu entscheiden – und zwar schnell. Doch ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass es vielleicht gar keine Entscheidung im Leben geben muss. Auf jeden Fall nicht für jeden. Ich glaube, dass die Schule in einem ausschlaggebenden Punkt nicht genügend Unterstützung bietet. Obwohl ständig beteuert wird, dass man dort aufs Leben vorbereitet wird, gehen die meisten von uns in die Welt und fühlen sich ganz klein, planlos und lange noch nicht bereit, sich festzulegen. Kurz bevor man dann endlich sein Abiturzeugnis in der Hand hält, kann es schon mal vorkommen, dass der eine oder andere plötzlich keine Motivation mehr hat. So ging es mir auch. Immer wieder habe ich mir gedacht, jetzt einfach Augen zu und durch, aber wirkliches Interesse habe ich da schon gar nicht mehr gespürt. Ich wusste, wenn ich endlich diesen ersehnten Wisch in der Hand halten würde, wäre ich frei. Doch dass Freiheit schwieriger wäre, als einen Alltagstrott auszuhalten, der mich gerade die letzten zwei Schuljahre sehr genervt hat, das hätte ich niemals gedacht.

          Heute glaube ich, die Lehrer und Eltern sollten erst einmal den Erwartungsdruck nehmen. Fällt den Erwachsenen denn nichts anderes ein, als bei jeder Familienfeier oder größeren Veranstaltung ausgerechnet den Abiturienten oder die Abiturientin zu fragen: „Was willst du denn jetzt mal machen, studieren?“ So dass man sich plötzlich dabei ertappt, ausführlich von Plänen für ein Medizin- oder Jurastudium zu erzählen, nur damit man irgendetwas Seriöses antwortet. Es will doch wirklich keiner hören: „Wusstest du es noch nicht? Ich bin das schwarze Schaf der Familie und habe keinen blassen Schimmer davon, was ich will oder wer ich bin.“ Also sagt man den Erwachsenen, was sie hören wollen, und fühlt sich furchtbar dabei, weil man sich insgeheim nichts sehnlicher wünscht, als dass es die Wahrheit wäre und man sich entschieden hätte.

          Was klar ist: Schüler müssen besser darauf vorbereitet werden, was für ein Gefühlschaos nach dem Abitur ausbrechen kann. Man könnte sie beruhigen und ihnen klarmachen, dass das alles nur halb so wild ist. Nebenbei sollte man sie natürlich so gut wie möglich über ihre vielfältigen Möglichkeiten aufklären, Projekttage oder Ausflüge in Vorlesungen anbieten und damit ihre Interessen wecken. Vielleicht gewinnen die Schüler ja auf diese Weise an Motivation, auch dafür, die stressige Zeit des Abiturs gut durchzuziehen. Und danach sucht jeder in seinem Tempo nach dem passenden Weg. Man kann ja auch mal erst ein bisschen jobben, was Soziales machen – Hauptsache, nicht rumlungern, der Rest ist egal. Oder eine gewisse Zeit dem nachgehen, was einen wirklich interessiert: Projekte mit Freunden, Reisen, Praktika, Ausbildungen, Jobs oder Studium . . .

          Was ich damit sagen möchte, ist, dass man meiner Meinung nach sein ganzes Leben lang diesen einen Satz sagen darf: „Wenn ich groß bin, werde ich ...“ Und an alle Jugendlichen da draußen, denen es genauso geht wie mir noch vor kurzem: Macht euch nicht verrückt, viele Erwachsene haben sich auch längst noch nicht entschieden.

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