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Wie erklär ich’s meinem Kind? : Wohin die Blockupy-Randale führen

An der Frankfurter Flößerbrücke mussten Wasserwerfer eingesetzt werden. Bild: Helmut Fricke

Es ist noch immer unfassbar, was in Frankfurt passierte. Doch was wollte Blockupy eigentlich erreichen, wie kam es zu dem Gewaltausbruch und wohin führt er? Eine Erklärung für Kinder.

          Mein Vater hat einmal etwas sehr Dummes gemacht. Als er noch selbst in die Schule gegangen ist, stand jeden Tag eine unfreundliche Lehrerin direkt am Haupteingang. Denjenigen, die nicht sofort die Mütze abgesetzt haben, hat die Lehrerin die Mütze sofort vom Kopf gerissen, manchmal sogar so kräftig, dass sie direkt ein paar Büschel Haare in der Hand hatte – was sehr weh tat.  Mein Vater fand das ungerecht und auch unnötig. Warum auch soll er die Mütze nicht erst im Klassenzimmer absetzen? Doch mit Worten konnte er sich nicht wehren. Lehrer hatten damals schon immer Recht. Doch er wollte es auch nicht einfach hinnehmen – und steckte kurzerhand lange, spitze Sticknadeln meiner Oma in die Bommel der Mütze. Als die Lehrerin ihm am nächsten Tag wieder die Mütze vom Kopf reißen wollte, griff sie in die Sticknadeln – und holte sich eine blutige Hand. Mein Vater holte sich dafür einen Verweis von der Schule.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was diese Geschichte mit Blockupy und den Randalen von Mittwoch zu tun hat? Mehr, als es auf dem ersten Blick scheint.

          Das Wort Blockupy haben sich kluge Köpfe aus Parteien, Gewerkschaften, und Jugendverbänden ausgedacht. Das Wort steht für eine Mischung aus den englischen Begriffen für Blockieren und Besetzen – und genau das wollte Blockupy am Mittwoch mit und in Frankfurt machen. Es ist ihnen gelungen, muss man sagen. Warum gerade Frankfurt? Hier sitzt die Europäische Zentralbank (kurz: EZB), die am Mittwoch eröffnet wurde. Sie ist für die Demonstranten ein Symbol für alles, was in Europa falsch läuft. Denn durch die Eurokrise geht es vielen Menschen, gerade in Südeuropa, im Moment sehr schlecht. Sie sind ohne Arbeit oder verdienen sehr wenig. Daher können viele nicht mehr zum Arzt gehen, wenn sie krank sind, oder leiden sogar Hunger. Das kann niemand gut finden.

          Sehr gut geht es dagegen den Banken, sie machen große Gewinne. Glaubt man Blockupy, sind die Banken dafür verantwortlich, dass die Menschen so arm sind, denn die Geldhäuser verdienen viel Geld damit, anderen Leuten Geld zu leihen. Die Demonstranten geben dafür die Schuld der Europäischen Zentralbank, da diese ihrer Meinung nach das Geld falsch verteilt. Auch findet es Blockupy nicht gut, dass so viele Regierungen lieber Geld sparen, als es den Menschen zu geben.

          Autos brannten, Menschen wurden verletzt

          Ganz viele Menschen haben in Frankfurt friedlich demonstriert. Sie haben sich zum Beispiel als Clowns verkleidet und witzige Sprüche auf den Asphalt gemalt. Andere brachten ihren Protest zum Ausdruck, indem sie Lieder gesungen, musiziert oder getanzt haben. Wieder andere haben versucht, Straßen zu blockieren. Das nervt alle, denn es kostet sie Zeit. In der Zeit hätte man arbeiten können. Oder spielen. Oder einfach Zeit mit der Familie verbringen. Blockupy wollte aber, dass die Menschen in dieser Zeit darüber nachdenken, wie schlecht es den Menschen geht und warum Blockupy demonstriert.

          Das alles kann aber noch nicht erklären, warum es zu solcher Gewalt gekommen ist. Denn grundsätzlich wollte Blockupy friedlich demonstrieren, es kam aber vor allem zu Ausschreitungen. Manche Demonstranten schmissen Steine und steckten Autos in Brand, die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Es soll knapp 300 Verletzte gegeben haben. Die Frankfurter Innenstadt war lahmgelegt, viele Straßen gesperrt und Busse und Straßenbahnen fuhren gar nicht. Auch hatten viele Schulen geschlossen. Doch warum machen Menschen so etwas?

          Moderne Ritter gegen Demonstranten

          Die Ideen von Blockupy werden von der Politik nicht geteilt, und damit wohl auch von vielen Menschen nicht. Die Demonstranten fühlen sich ohnmächtig und suchen deshalb andere Wege, um auf sich aufmerksam zu machen. Und wenn überall in der Stadt Blaulicht ist, Autos brennen und Hubschrauber über den Köpfen kreisen, dann ist ihnen maximal Aufmerksamkeit garantiert – egal, wie sinnlos der Angriff ist. Auch fühlen sie sich von der Polizei provoziert: Die Polizisten sehen mit ihren großen Helmen und ihrer schweren Körperpanzerung fast aus wie moderne Ritter. Das gefällt den Blockupy-Aktivisten gar nicht.

          Doch bei einem Kampf hätten die Demonstranten natürlich keine Chance, denn sie selbst haben keine Rüstung. Daher versuchten sie, die Polizisten zu provozieren, damit sie vielleicht einen Fehler machen. Denn wenn die Polizisten aus der Hektik und dem Stress heraus einen Unschuldigen angreifen – zum Beispiel einen Journalisten, einen friedlichen Clown oder einen harmlosen Anwohner – dann würden nicht die Occupy-Randalierer in der Kritik stehen, sondern die Polizisten. Das alles führte zu dieser Gewalt.

          Doch Blockupy hat nun ein Problem, ein sehr großes sogar. Denn niemand spricht mehr darüber, dass viele Menschen in Europa arm sind. Niemand fragt mehr, wer dafür verantwortlich ist. Und niemanden interessiert es, dass am Mittwoch 17.000 Menschen diese Forderungen unterstützten. Fast alle reden nur noch von der Gewalt. Denn wer Menschen verletzt, der kann nicht annehmen, dass andere es dann noch ernstnehmen, wenn man kritisiert, dass es Menschen schlecht geht. Das ist so ähnlich wie bei meinem Vater. Er war ein astreiner Einser-Schüler. Aber wenn es heute um seine Schulzeit geht, sind die Noten nicht mehr das Thema. Sondern immer noch die Geschichte mit der Bommelmütze und den Sticknadeln.

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