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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Wie Muslime Weihnachten feiern

Selfie mit Baba Noels Verwandtem: Gast aus Ankara zu Besuch auf einem Weihnachtsmarkt in Sachsen-Anhalt Bild: Picture-Alliance

In der heiligen Schrift der Muslime wurde Jesus nicht im Stall geboren, sondern unter einer Palme, er ist nicht Gottes Sohn, sondern ein Gesandter. Was heißt das für ihre Art, Weihnachten zu feiern?

          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Aylin Güler

          Redakteurin für Social Media.

          Wenn der Geruch von Glühwein, gebrannten Mandeln und Weihnachtsgebäck in der Luft liegt, Tannenbäume aufgestellt und die Straßen prachtvoll geschmückt werden, steht Weihnachten vor der Tür. Für Christen beginnt die Weihnachtssaison mit Plätzchen backen, Weihnachtskarten schreiben und dem schier nicht enden wollenden Geschenkekauf. Inmitten des ganzen Trubels begegnen die vier Millionen Muslime in Deutschland häufig dieser Frage: „Feiert ihr eigentlich auch Weihnachten?“

          Nur wenige wissen, dass es auch in ihrer heiligen Schrift, dem Koran, eine Geburtsgeschichte Jesu gibt. In den Versen 22 und 23 der 19. Sure wird erzählt, dass Jesus an einem „fernen Ort“ unter einer Palme geboren wurde. Vorangestellt ist hier – wie auch in der Bibel – das Wunder der Empfängnis, der Beweis, dass Gott Dinge aus dem Nichts erschaffen kann. Muslime sehen in Jesus einen Propheten, den sie Isa nennen, einen Gesandten Gottes, aber nicht – anders als die Christen – seinen Sohn.

          Auch wenn der Koran die Geburt Jesu bewegend beschreibt, ist Weihnachten mit seinen Bräuchen ein christliches Fest. Die Geburt Jesu hat für Muslime keine religiöse Bedeutung – anders als Weihnachten für Christen. Doch auch unter Nicht-Christen gibt es in Deutschland und in vielen muslimisch geprägten Ländern Menschen, die das Fest feiern: aus kulturellen Gründen.

          Besonders die in Europa lebenden Muslime finden Gefallen an den Traditionen, die mit Weihnachten verbunden sind: daran, Adventskalender zu basteln, über Weihnachtsmärkte zu schlendern, Plätzchen zu backen, das Haus zu dekorieren – und die Kinder zu beschenken. Doch diese weihnachtlichen Merkmale verbinden Muslime mehr mit den Feierlichkeiten des Jahreswechsels als mit der Geburt Jesu. Geschenke gibt es aus dem Grund auch oft erst am Silvesterabend. Dazu gehört ebenfalls ein geschmückter Baum, der dem christlichen Weihnachtsbaum sehr ähnelt. Auch das Beisammensein mit der Familie und ein Festmahl – traditionell wird Truthahn serviert – gibt es am Silvesterabend.

          Andere Eltern wollen ihre Kinder nicht ausgrenzen und beschenken sie bereits an Heiligabend, sie stellen sogar einen traditionellen Weihnachtsbaum auf und servieren am ersten Weihnachtstag eine Weihnachtsgans. Geschätzt wird die gemeinsame Zeit mit der Familie – schließlich haben auch Muslime an Weihnachten frei. Verwandte und Freunde werden besucht, man kocht gemeinsam, findet Zeit für Spaziergänge und sieht sich Filme an – gar nicht so anders, als Christen es tun. Interessant ist, dass an Heiligabend der Gottesdienst aus einigen bekannten Kirchen auch im islamischen Fernsehen live ausgestrahlt wird.

          Weihnachten, wie es Christen feiern, hat unter den islamischen Festlichkeiten dennoch keinen Platz. Überhaupt kennt der Islam eigentlich nur zwei große Feste: das Opferfest, das im Rahmen der Pilgerfahrt nach Mekka stattfindet, und das Zuckerfest, das zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan gefeiert wird. Allerdings hat eine bekannte Weihnachtsfigur auch für Muslime Bedeutung: Noel Baba, so der türkische Name des Nikolaus, soll der Legende nach in der Nähe von Antalya, also in der Türkei geboren worden sein. Verschiedene Sagen machen ihn zu einem der unzähligen anatolischen Weisen und Heiligen. Am 6. Dezember wird also auch in seinem Heimatland an ihn gedacht, und Kinder bekommen Geschenke.

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