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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : So funktioniert ein Wirtschaftskrieg

Strafzölle zum Beispiel auf Stahl bringen Arbeitsplätze in Gefahr: Arbeiter an einem Hochofen der Salzgitter AG. Bild: dpa

Bei einem Wirtschaftskrieg sterben zum Glück keine Menschen. Die Länder, die ihn führen, können einander trotzdem ganz schön schaden. Mit einer Reihe von Tricks, dem anderen das Leben schwer zu machen.

          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Recep Tayyip Erdogan ist der mächtige Präsident der Türkei und gerade ziemlich sauer auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Er verlangt, dass Washington einen Geistlichen namens Fethullah Gülen ausliefert. Die Amerikaner und ihr Präsident Donald Trump sind ihrerseits sauer auf die Türkei und fordern, dass sie einen amerikanischen Pastor namens Andrew Brunson frei- und ausreisen lässt. Ein heftiger Streit ist das – Erdogan sagte gerade sogar, sein Land befinde sich in einem Wirtschaftskrieg mit Amerika.

          Ein harsches Wort und offenbar eine schlimme Situation, denn: Wer Krieg hört, denkt erst einmal an Waffen, an Kampfflugzeuge, Panzer, Bomben, Soldaten. Daran, dass Menschen sterben, Kinder und Erwachsene, Häuser zerstört oder ganze Städte kaputtgemacht werden. Daran, dass Armeen gegeneinander kämpfen.

          Wenn Menschen von Wirtschaftskrieg sprechen, geht es darum zum Glück nicht. Ähnlich ist, dass die Streitenden ihren Krach nicht friedlich beilegen können. Sie schaffen es nicht, ihr Problem zu lösen, indem sie miteinander reden. Und greifen zu anderen Mitteln. Es geht aber, anders als in einem echten Krieg, nicht um Leben und Tod – sondern ums Geld. Darum, wie einer den anderen ärmer machen kann.

          Das geht, weil die meisten Staaten wirtschaftlich miteinander ziemlich viel zu tun haben. Unternehmen aus einem Land verkaufen zum Beispiel Autos, Waschmaschinen, Medikamente, Taschentücher, Kinderspielzeug oder Nahrungsmittel in andere Länder und umgekehrt. Oder sie leihen oder verleihen sich gegenseitig Geld. Oder sie bauen eine Fabrik dort. Das ist häufig eine gute Sache, weil durch diese unzähligen Käufe und Verkäufe und Investitionen am Ende die meisten Menschen wohlhabender werden.

          Wer aus irgendeinem Grund nicht mehr gut miteinander auskommt, hat deswegen jedoch auch viele Möglichkeiten, dem anderen in irgendeiner Form zu schaden. Er kann etwa versuchen, dass die Unternehmen des anderen Landes nicht mehr so viel in seinem Land verkaufen können – und zum Beispiel Zölle einführen, um Autos oder Waschmaschinen aus dem Ausland teurer zu machen. Oder er kann den Banken verbieten oder erschweren, weiter Kredite an ausländische Unternehmen zu vergeben, die diese vielleicht dringend brauchen. Er könnte auch Vermögen von wichtigen Personen im Ausland auf Bankkonten in seinem Land einfrieren und damit nicht mehr zugänglich machen. Oder eine Fabrik beschlagnahmen.  Und natürlich kann das Ausland darauf reagieren und genau dasselbe tun.

          Wenn sich das richtig hochschaukelt, dann wird aus Drohungen oder kleinen Sticheleien irgendwann das, was Fachleute einen echten Handels- oder Wirtschaftskrieg nennen. Denn die Länder können sich wirklich gegenseitig sehr stark schaden: Wenn Unternehmen weniger Produkte verkaufen können, verdienen sie weniger Geld und müssen vielleicht Mitarbeiter entlassen, weil sie nicht mehr genügend Arbeit für sie haben. Oder die Preise steigen, weil die ausgeschlossenen ausländischen Hersteller ihre Waren nicht mehr oder wegen der Zölle nur noch teurer anbieten können. Oder, noch schlimmer, viele Unternehmen oder ganze Länder gehen sogar Pleite, weil sie dringend benötigte (neue) Kredite nicht mehr bekommen.

          Wer am Ende gewinnt, das ist schwer zu sagen. In der Regel verlieren unter dem Strich alle Beteiligten. Allerdings, und das ist sehr wichtig, leiden nicht alle in gleichem Maße: Sehr große Länder haben für sich genommen zum Beispiel die besseren Karten, wenn sie sich mit kleinen Staaten messen. Das ist auch der Grund, warum sich mächtige Politiker immer mal wieder entscheiden, zu solchen Mitteln zu greifen. Oder warum gerade kleinere Länder häufig Verbündete suchen oder Wirtschaftsgemeinschaften gründen – um sich besser wehren zu können im Fall der Fälle.

          Sehr wichtig ist schließlich aber auch, dass es in diesen Wirtschaftskriegen selten nur um die Wirtschaft geht. Es geht häufig um Einfluss und Macht insgesamt auf der Welt oder in einer wichtigen Weltgegend. Das gilt für den Streit zwischen Amerika und der Türkei und für den Streit zwischen Amerika und China. Und im Hintergrund wissen die Beteiligten, die zu Wirtschaftsmitteln greifen, schließlich natürlich jederzeit auch, wie stark das Militär des anderen ist – Wirtschaft hin oder her.

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