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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir weinen

Eine Träne macht noch kein Weinen, jedenfalls nicht zwangsläufig. Bild: Picture-Alliance

Warum sind wir eigentlich die einzigen Lebewesen, die weinen? Und warum weinen wir überhaupt? Seltsam, was wir über eine der frühesten menschlichen Gefühlsäußerungen alles nicht wissen! Aber ein bisschen wissen wir doch.

          3 Min.

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Fawkes, der Phönix von Albus Dumbledore, kann Verletzungen und Wunden heilen. Im zweiten Harry-Potter-Teil, „Die Kammer des Schreckens“, tropft er seine Tränen auf Harrys Wunde im Unterarm, in den sich der Zahn des Basilisken gebohrt hat. Sofort schließt sich die Wunde, das Gift des Basilisken wird unwirksam.

          Obwohl wir Tränen eher mit Trauer verbinden, sind sie in vielen Geschichten und Mythen mit positiven Erlebnissen verbunden. Es ist zwar reine Fantasie, dass Tränenflüssigkeit heilende Kräfte hat. Allerdings kann es sich heilsam anfühlen, geweint zu haben. Oft fühlen wir uns danach erleichtert und befreit, als hätten sich die schlechten Gefühle, die uns zum Weinen gebracht haben, in Tränen aufgelöst. Doch unter Wissenschaftlern ist es umstritten, ob Weinen sich wirklich positiv auf unsere Stimmung auswirkt. Das ist nur eine von vielen Fragen zum Weinen, die immer noch nicht beantwortet sind. Zum Beispiel ist auch nicht sicher, ob es Freudentränen wirklich gibt. Und warum eigentlich weinen Frauen im Durchschnitt häufiger als Männer?

          Vielleicht sollten wir besser mit dem anfangen, was wir ziemlich sicher über das Weinen wissen: So kommt Weinen etwa im Tierreich, nach allem was wir wissen, nicht vor, sondern es ist etwas typisch Menschliches. Egal woher man kommt, egal welche Sprache man spricht – alle Menschen weinen und verstehen intuitiv, was gerade passiert, wenn andere weinen. Aber woran lässt es sich eigentlich festmachen, dass jemand weint? Wenn uns Tränen die Wangen herunterlaufen, muss das nämlich noch nicht heißen, dass wir weinen. Denn neben den emotionalen Tränen gibt es auch die sogenannten Reflextränen. Die schießen uns zum Beispiel bei starkem Wind in die Augen – oder beim Zwiebelschneiden. Sie verhindern, dass die Augen austrocknen und halten reizende Stoffe vom Augapfel fern. Forscher haben herausgefunden, dass emotionale Tränen auch anders zusammengesetzt sind als Reflextränen. Unter dem Mikroskop sehen sie daher auch anders aus. Die Amerikanerin Rose-Lynn Fisher hat das sogar für eine Fotoausstellung genutzt. Ihre Bilder zeigen unter bis zu vierhundertfacher Vergrößerung ganze Tränenlandschaften, die sie danach unterscheidet, weswegen die Tränen vergossen wurden.

          Zum Weinen gehört also neben den Tränen, dass wir emotional bewegt sind. Dafür müssen wir nicht direkt traurig sein. Vielmehr sind es Verlust, Trennung, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Problemsituationen, in denen wir nicht wissen, wie wir uns verhalten sollen, die uns zum Weinen bringen.

          „In solchen Momenten werden unsere Bedürfnisse frustriert“, sagt der Psychiater und Psychotherapeut Claas-Hinrich Lammers. „Dadurch entstehen Emotionen, die bewältigt werden müssen.“ Das geschehe durch einen Emotionsausdruck, in dem Fall das Weinen, der erleichternd wirke. „Unterdrückt man die Emotion, führt das zu einem erhöhten Anspannungszustand“, so Lammers.

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          Auch wenn es der täglichen Erfahrung von Therapeuten wie Lammers zu widersprechen scheint: Durch Studien konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass Menschen sich nach dem Weinen grundsätzlich besser fühlen als direkt davor, wenn noch kein Emotionsausdruck beobachtet werden kann. Dass es sich für viele aber so anfühlt, erklärt Ad Vingerhoets, der seit mehr als dreißig Jahren das menschliche Weinen erforscht, so: Unsere Stimmung verschlechtert sich während des Weinens schneller und stärker, als wenn wir die gleiche Emotion erleben, aber nicht mit Weinen darauf reagieren. Deswegen erleben wir auch eine schnellere und stärkere Verbesserung unseres Befindens, nachdem die negativen Emotionen uns zum Weinen gebracht haben.

          Entscheidender als das Weinen selbst ist für das Wohlbefinden laut Vingerhoets, ob wir an dem, was uns zum Weinen gebracht hat, etwas ändern können. „Am wichtigsten ist aber, wie andere darauf reagieren, wenn ich weine. Wenn sie auf mich eingehen und mich trösten, fühle ich mich danach besser, als wenn sie etwa beschämt sind und wegschauen“, so Vingerhoets. Das würde auch zu dem evolutionären Ursprung des Weinens passen, über den sich die Wissenschaft weitgehend einig ist: Den Schreien, die auch junge Säugetiere ausstoßen, wenn ihre Eltern nicht in der Nähe sind. Bei Menschen bleibt von diesem akustischen Signal mit zunehmendem Alter nur noch das eher visuelle Signal des Weinens und der Tränen übrig. Bei den meisten Tieren hingegen verschwindet es komplett.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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          Bleibt die Frage, warum viele Menschen auch weinen, wenn sie glücklich sind. Das könnte laut Ad Vingerhoets daran liegen, dass wir auch in solchen Situationen eine Form von Hilflosigkeit erfahren, da wir nicht wissen, wie wir unsere riesige Freude sonst ausdrücken sollen. Sehr oft sei auch der Grund, dass wir gerade in sehr glücklichen Situationen uns erlauben, an schwere Stunden zurückzudenken. Wenn wir etwa Menschen, die uns nahe sind, nach langer Zeit wiedersehen, würden wir demnach eher verarbeiten, dass wir sie davor so lange nicht gesehen haben.

          Warum nun Frauen häufiger weinen als Männer, würde wahrscheinlich genug Stoff für mehrere Erklärkolumnen bieten. Nur so viel: Ganz von der Biologie trennen lässt es sich wohl nicht. Es spielt aber eine große Rolle, dass Weinen unter Jungs und Männern immer noch weniger akzeptiert wird als unter Mädchen und Frauen.

          Vielleicht hilft der Blick zurück ins Reich der Phantasie. Der Phönix ist nicht die einzige Sagenfigur, bei der Tränen und das Weinen eine ganz besondere Bedeutung haben. Der Altertumsforscher Matteo Nucci hat sich mit Tränen in der Mythologie beschäftigt und schreibt, dass griechische Helden an ihrem Weinen erkennen, dass sie keine Götter, sondern Menschen sind. Und erst das macht sie zu Helden. Vielleicht müssen ja große und kleine Jungs einfach öfter Helden sein und nicht nur den Helden spielen.

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