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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir anderen die Schuld geben

Am Tag nach der Landtagswahl in Bayern: Ministerpräsident Markus Söder (l.) und der CSU-Parteivorsitzende und Bundesinnenminister Horst Seehofer Bild: dpa

Bayern, Hessen, Fußballplatz: Wenn es nicht gut läuft, wird schnell ein Schuldiger gesucht. Dabei lohnt sich immer der Blick in beide Richtungen: Darauf, wer schuld sein soll und wer das behauptet.

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          Ganz egal, ob es um eine Fußballmannschaft geht oder um eine politische Partei, um eine Reihe von Länderspielergebnissen oder um einen Wahlausgang: Wenn es schlecht läuft, sind die Leute schnell dabei, nach einem oder einer Schuldigen zu suchen. Und fast noch schneller darin, auch einen oder eine zu finden.

          Das geht ganz einfach, jeder kennt das noch von den ersten Streitereien aus der Sandkiste, wenn die gemeinsam gebaute Burg kaputtgegangen ist. Auf den ersten Schreck folgt das Geschrei: „Du bist schuld!“ – „Nein, du!“ Sie kann von ganz alleine eingekracht sein, jemand kann unvorsichtig gewesen sein oder schlicht Lust gehabt haben, die schöne Sandburg plattzumachen: Gleich geht es darum, wer schuld sein soll. Aber so klar und einfach ist das nicht immer. Meistens nicht. Und oft macht es sich jemand ganz schön leicht mit einer Schuldzuweisung. Denn wenn jemand sagt, dass einer schuld hat, lenkt er in einer brenzligen Lage, in der alle unzufrieden oder empört oder hilflos sind, die Aufmerksamkeit in eine Richtung. Es lohnt sich eigentlich immer, genauer hinzuschauen, wenn es um Schuldfragen geht, und zwar nicht nur darauf, wer schuld sein soll, sondern auch darauf, wer das behauptet.

          Am Sonntag hat bei der Landtagswahl in Bayern die Partei, die dort über fünfzig Jahre lang fast immer allein regieren konnte, weil so viele Leute sie gewählt hatten, sehr viele Wählerstimmen verloren. Klar, dass auch hier jetzt Leute unzufrieden oder empört oder hilflos sind. Aber ist daran der bayerische Regierungschef von dieser Partei schuld, Ministerpräsident Söder? Oder sein Vorgänger, Herr Seehofer, der jetzt Innenminister in Berlin ist und sich mit seiner Chefin dort, Bundeskanzlerin Merkel, so viel gestritten hat? Oder ist es vielleicht sogar die Bundeskanzlerin, die zwar nicht der CSU angehört, die es nur in Bayern gibt, sondern ihrer Schwesterpartei, die es in allen anderen Bundesländern gibt?

          Vielleicht sind manche Leute in Bayern unzufrieden mit Berliner Entscheidungen gewesen, so unzufrieden, dass sie die CSU, die in Berlin mitregiert, nicht mehr wählen wollten. Dann wäre Frau Merkel ein Grund. Andere könnten sie nicht mehr gewählt haben, gerade weil sie sich in Berlin so oft mit der CDU angelegt hat. Dabei sollten die beiden Parteien doch eigentlich zusammenhalten. Dann wäre eher Herr Seehofer ein Grund. Wieder andere haben sich womöglich über seinen Nachfolger als Regierungschef in Bayern geärgert, der für die einen doch aus Franken, also eigentlich gar nicht richtig aus Bayern kommt und für andere mit ein paar Ideen schlicht zu weit gegangen ist. Wer Leute, die nicht mehr die CSU gewählt haben, nach Gründen dafür fragt, wird all diese Antworten zu hören bekommen. Und selbst wenn es mehr Leute gibt, die es aus dem einen Grund als aus einem anderen getan haben, spielen die anderen beiden – oder vielleicht noch ganz andere – insgesamt immer noch eine Rolle. Dass Frau Merkel oder Herr Seehofer oder Herr Söder schuld sind am Wahlergebnis, kann man also nicht so einfach sagen.

          Oder beim Fußball: Ist der Bundestrainer Löw schuld daran, dass die Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft nach der Vorrunde schon nach Hause fahren musste, obwohl sie beim Mal davor doch noch Weltmeister geworden war? Oder sind es vielleicht sogar die Leute beim Deutschen Fußballbund, die darüber entscheiden, wer Bundestrainer ist? Aber haben nicht auch ein paar Spieler einfach nicht so gut gespielt oder vor der WM quatsch gemacht, der nicht gut für die Stimmung in der Mannschaft war? Auch hier sind bestimmt mehrere Sachen zusammengekommen, und wer einen einzelnen beschuldigt, übersieht etwas. Vielleicht will er auch, dass die Leute das übersehen, denen er sagt, wer schuld hat. Damit sie das Gefühl haben, dass sich ganz leicht und gut sichtbar etwas ändern ließe, wenn man nur einen neuen Bundestrainer nimmt. Oder einen neuen Parteivorsitzenden.

          Wenn jemand schuld haben soll, ist das immer ein Zeichen: gegenüber den Fans oder Wählern, also nach außen, aber auch gegenüber den Fußballspielern oder den Parteimitgliedern, also an die eigenen Leute. Wenn einer aus der Partei auf einen anderen aus der Partei zeigt und sagt, der hat schuld am schlechten Wahlergebnis, dann kann es auch sein, dass er davon ablenken will, wie es um ihn selbst steht. Das passiert auch unter Schwesterparteien, und gerade sogar schon im Voraus: Auch in Hessen sind bald Landtagswahlen, und auch hier macht sich die CDU, die den Regierungschef stellt, Sorgen, ganz schön Stimmen zu verlieren. Dass dieser Regierungschef schon vorher sagt, das läge dann auch an der CSU, ist schon ein bisschen komisch.

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