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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Schulnoten ungerecht sein können

Manchmal tun Schulnoten auch einfach nur weh. Bild: Picture-Alliance

Alle Schüler wissen es ohnehin und sogar die Schulforschung weiß es: Zensuren können ungerecht sein. Aus vielen verschiedenen Gründen. Einige von ihnen sind sogar gut.

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Es stimmt schon: Die allergrößte Mühe hatte ich mir mit der Rolle rückwärts nicht gegeben, damals im Sportunterricht in der vierten Klasse. Ich mochte Turnen nicht, ich fand Purzelbäume ziemlich albern, ich fand es doof, dass wir uns anstellen mussten, um nacheinander vorzuturnen, damit die Lehrerin sich auf ihrem Klemmbrett eine Zensur aufschreiben konnte. Ich bekam eine Drei. Und zuckte die Achseln. Als aber mein Freund hinter mir eine Zwei bekam, war es mir nicht mehr so egal: Seine Rolle rückwärts war kein bisschen besser gewesen als meine, echt nicht! Das sah sogar die Sportlehrerin so. Aber, sagte sie, der Klassenkamerad hatte es so gut gemacht, wie er eben konnte. Und für mich war eine solche Rolle rückwärts eben wirklich nicht mehr als befriedigend.

          Ungerechtfertigt war das nicht. Aber ungerecht war es irgendwie doch.

          Jeder kennt dieses Gefühl. Bei Klassenarbeiten oder bei Zeugnissen, wie es sie jetzt wieder zum Schulhalbjahr gibt. Wenn man selbst davon erfährt oder wenn man mit anderen, mit den Eltern, darüber spricht: Der Lehrer hat eine Note gegeben, und man ist damit nicht einverstanden. Sie fühlt sich ungerecht an: ganz selten besser, als man sich selbst sogar dann einschätzen würde, wenn man gerade so ganz mit sich zufrieden ist, meistens aber so, als habe der Lehrer etwas übersehen oder vielleicht sogar extra eine schlechtere Note gegeben, als man eigentlich verdient hätte.

          So schlicht und einfach eine Zensur dann schließlich aussieht: Es ist schon ziemlich kompliziert mit ihr. Und das nicht nur bei Purzelbäumen. In Mathearbeiten gibt es immerhin noch richtig oder falsch, beim Rechenweg und beim Ergebnis. In den Sprachen wird es schwieriger: Wie bewertet man großartige Ideen, die unbeholfen formuliert sind? Noch schwieriger wird es bei mündlichen Noten: Wie soll man jemanden benoten, der sich ganz oft meldet, aber leider auch ziemlich oft danebenliegt? Wie jemanden im Vergleich, der sich selten meldet, aber dann ist das, was er sagt, einfach super? Und wie erst jemanden, der besondere Schwierigkeiten in der Schule hat, die eigentlich bekannt sind und von den Lehrern berücksichtigt werden sollten – Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität oder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zum Beispiel? Das ist alles nicht so einfach, und manchmal geht es auch schief. Grundsätzlich wird kein Lehrer das bestreiten.

          Kein Wunder, dass nicht nur viele Kinder und Eltern, sondern auch manche Schulen, manche Lehrer und sogar die Schulforschung die Noten auf dem Kieker haben: Was bleibt von ihrem Anspruch, objektiv zu sein, wenn man doch herausgefunden hat, dass verschiedene Lehrer denselben Schülern und Klassen aus demselben Anlass unterschiedliche Noten geben würden?

          Noten haben zwei Funktionen: Sie sollen auf der einen Seite einen Leistungsstand beschreiben und ihn vergleichbar machen – vergleichbar mit dem Leistungsstand anderer Schüler in einer Klasse, Klassenstufe oder Altersgruppe, aber auch vergleichbar mit dem, was der Schüler zuletzt für eine Note in diesem Fach bekommen hat. Sie werden spätestens zum Schulabschluss zusammengerechnet, und dann entscheidet der Notenschnitt darüber, wo und wie leicht es mit einem Ausbildungs- oder einem Studienplatz klappt. Da geht es dann auf einmal um ziemlich viel. Die andere Funktion ist eine Botschaft: Eine Note ist eine Rückmeldung, eine Nachricht an den Schüler, wie es so aussieht mit ihm und der Klassenarbeit oder dem Schulfach.

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          Das ist die Funktion, die all die Leute betonen, die für die Abschaffung von Schulnoten sind: Schließlich ist ein Text viel aussagekräftiger als eine Zahl, die Lehrer können in ihm erklären, einordnen und ermutigen, loben oder ermahnen. Wie früher, in den ersten Zeugnissen, in denen es auch für diejenigen Kinder noch keine Noten gab, in deren Schulen später doch Zensuren kamen. Das steckt auch hinter der ganz neuen Entscheidung des hessischen Kultusministeriums, dass die Schulen dieses Bundeslandes künftig auf Noten verzichten dürfen – mit Ausnahme von Schulwechseln und -abschlüssen.

          Oft sind die Zeichen hinter den Zahlen eine solche Botschaft – ein Minus als Warnung, dass man echt aufpassen muss, damit man nicht abrutscht auf die nächstschlechtere Note, ein Plus als Zeichen, dass man den Sprung auf die nächstbessere schaffen könnte. Dass auch damit aber noch nicht genug gesagt ist, zeigen Lehrer immer dann, wenn sie zum Beispiel von einem „dicken Plus“ sprechen: Da fehlt jetzt wirklich nicht mehr viel, soll das wohl heißen. Aber ein bisschen was fehlt eben doch noch.

          Zu so einer Botschaft gehört immer auch die Frage, wie sie wohl ankommt bei dem, für den sie gedacht ist: Kann man darauf setzen, dass er sich nach einer schlechten Note vornimmt, allen zu zeigen, dass er es besser kann – oder macht sie ihn vor lauter Scham ganz schüchtern und still, kriegt schlimmstenfalls sein Selbstvertrauen einen Knacks? Dass sich Lehrer solche Fragen stellen, finde ich eigentlich sogar ganz gut. Und gerade in den Klassen, in denen es bis zum Schulabschluss noch ein bisschen hin ist, die Leistungsbeschreibung also noch nicht dieses Gewicht zu haben braucht, lohnt sich die Frage, was für eine Botschaft hinter einer Note stecken könnte. Auch wenn sie sich erst einmal ungerecht anfühlt. Wie damals bei meiner Rolle rückwärts.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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