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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es so lange dauert, eine Regierung zu bilden

Die Wahlprogramme der vier Parteien fügen sich nicht ineinander. An vielen Stellen widersprechen sie sich so grundsätzlich, dass ein Zusammenarbeiten viel guten Willen braucht. Gerade wenn man Politikern, wie manche Menschen das tun, Unglaubwürdigkeit oder fehlende Überzeugungen unterstellt, muss man den Verhandlern Zeit zum Ringen um Überzeugungen zugestehen.

Damit sie sich besser kennenlernen

Das sind diese schweren Kompromisse. Die großen Themen, wie viele Menschen Deutschland zuwandern und wie sie in der Gesellschaft aufgenommen werden, sind als trennende Themen zwischen Grünen auf der einen Seite und Union auf der anderen Seite bekannt; es gibt aber noch viele andere Punkte. Zuletzt wurde bekannt, dass es 120 insgesamt sind, die strittig sind. Dabei ist schön, dass man sich offenbar bei der Erneuerung des Bafög-Gesetzes (über die staatliche Unterstützung von Studenten) einig ist, allerdings nicht darüber, wie man möglicherweise die Krankenversicherung neu aufstellt. Für die FDP ist das ein Graus. Unter der großen Verantwortung, eine schwierige Koalition bilden zu müssen, will keiner zusammenschrumpfen und dabei die eigenen Ziele vergessen.

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Das ist die inhaltliche Annäherung. Die persönliche Annäherung der Spitzenpolitiker hat zum Teil schon vor einiger Zeit stattgefunden. In den vergangenen Jahren gab es regelmäßige Zusammenkünfte von Grünen- und Unions-Politikern, um über Themen zu diskutieren und sich besser kennenzulernen. In den neunziger Jahren hatte man damit angefangen, die Treffen aber lange nicht fortgesetzt.

Damit zusammenfindet, was eigentlich nicht zusammenpasst

Die eigene Partei, die eigenen Wähler müssen den Annäherungsprozess zumindest nachvollziehen können. Sie müssen nachvollziehen können, dass man auf Punkt A bestanden, aber auf Punkt B zugunsten des Bündnispartners verzichtet hat. Bei den Grünen entscheidet ein Parteitag über das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen – können dei Mitgelider den Kompromiss nicht nachvollziehen, stimmen sie dagegen.

Wenn der Grüne Michael Kellner den blaffenden Alexander Dobrindt der CSU als „ziemlichen Krawallbruder“ bezeichnet, hilft das beiden Seiten dabei, am Ende zu sagen: Wir haben um jeden Punkt gekämpft, obwohl es schwierig war. Keiner will hier einen Zweifel daran lassen, dass man erst einmal freiwillig oder gerne zusammenarbeitet.

Man kann Politik als Theater verstehen, das soll nicht abfällig klingen. Gerade sehen wir ein großes Stück über die Bildung einer Koalition. Das Ende kennen die Darsteller selbst noch nicht ganz genau. Beim Zuschauer und sich selbst hoffen sie auf eine Art Katharsis, die man seit Urzeiten aus dem Theater kennt: Nach einem gemeinsamen Durcharbeiten von Konflikten, dachten schon die alten Griechen, soll danach eine Reinigung, eine Läuterung der Seele stattfinden. Damit am Ende zusammenfindet, was eigentlich nicht zusammenpasst. Und das dauert.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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