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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Menschen sehen nicht gleich aus, aber sie sind gleich

Klaue eines Hetzers: Im April hatte der Künstler Rainer Opolka 63 „Wolfsmenschen“ als Zeichen gegen Rassismus auf den Alten Markt in Potsdam gestellt. Bild: ZB

Seit sich in Amerika Schwarze und Weiße gegenseitig umbringen, reden alle vom Rassismus. Doch was ist das? Über eine alte Fehleinschätzung und ihre Ursachen.

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          Kinder sehen ihren Eltern ähnlich. Man sieht ihnen an, dass sie die Kinder ihrer Eltern sind. Aber nur, wenn man es schon weiß. Ähnlichkeit ist kein Beweis für Verwandtschaft. Sie kann auch Zufall sein. Manche Verwandte sehen sich gar nicht ähnlich. Trotzdem passiert es uns, dass wir auf Kinderfotos der Eltern uns selbst zu erkennen meinen. Es gibt etwas wie Familienähnlichkeit.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Von zwei Kindern wird das eine mehr dem Vater gleichen, das andere mehr der Mutter. Man sieht dann jeweils die Ähnlichkeit mit dem einen Elternteil und übersieht, was an den anderen erinnert. Kinder sehen nie beiden Eltern ähnlich. Warum? Weil die Eltern einander nicht ähnlich sehen. Sie sind ja nicht verwandt.

          Die natürlichste Sache der Welt?

          Wer einen Bruder hat, kennt den Satz: „Du siehst deinem Bruder aber ähnlich.“ Seltsam, dass ich die Ähnlichkeit nie wahrgenommen hatte, bevor ich den Satz zum ersten Mal hörte. Ich war damit beschäftigt, mich von meinem Bruder zu unterscheiden. Außenstehende sehen leichter, dass wir die gleiche Nase haben.

          Bild: Johannes Thielen

          Die Ähnlichkeit in einer Familie ist auf den ersten Blick die natürlichste Sache der Welt. Bei näherem Hinsehen verstehen wir, dass wir es nicht mit einer Naturtatsache zu tun haben, die schon da ist, bevor wir hinsehen. Ähnlichkeiten und Unterschiede muss man sehen wollen.

          Wir sind alle miteinander verwandt

          Warum wollen wir schon im Gesicht eines Babys die Züge von Vater und Mutter entdecken, obwohl jedes Baby allen anderen Babys ähnlicher sieht als irgendeinem Erwachsenen? Kinder werden in Familien hineingeboren. Von den Unterschieden zwischen den Familien hängt die Verteilung der Lebenschancen ab. Beim Blick in den Kinderwagen sucht uns die Ahnung heim, wie stark die Herkunft die Zukunft bestimmt.

          Laut dem ersten Buch der Bibel stammen alle Menschen von einem Elternpaar ab, nämlich Adam und Eva. Auch nach Auskunft der heutigen Wissenschaft steckt in dieser uralten Erzählung eine Wahrheit über die Menschheit: Die Menschen sind alle miteinander verwandt. Deshalb können eine Frau und ein Mann von den entgegengesetzten Enden der Welt gemeinsam ein Kind zeugen.

          Gruppen, noch größer als die Völker

          Als noch die Könige regierten, war es üblich, die Völker als Großfamilien zu beschreiben. Der König hieß Vater des Vaterlandes, die Untertanen nannten sich Landeskinder. Davon ist in den deutschen Bundesländern noch das gemütliche Wort vom Landesvater übriggeblieben. Aber auch diese altmodische Redensart verweist auf etwas, das nicht veraltet ist. Die Mitglieder eines Volkes haben dieselben Vorväter. Wenn jemand durch Einbürgerung ins Volk aufgenommen wird, kann er oder sie ein Landeskind heiraten. Wenn eine ganze Familie einwandert, kommt es zur Verbindung mit den Einheimischen hoffentlich in der nächsten Generation.

          Übergriffsbereit: „Wolfsmensch“ von Rainer Opolka in Potsdam
          Übergriffsbereit: „Wolfsmensch“ von Rainer Opolka in Potsdam : Bild: ZB

          Das Wort „Rasse“, auf Menschen bezogen, soll Gruppen bezeichnen, die noch größer sind als die Völker. Man spricht von Völkerfamilien, um die äußere Ähnlichkeit von Menschen zu markieren, deren Ahnen in derselben Weltgegend wohnten. Schwarzafrikaner und Europäer unterscheiden sich im körperlichen Erscheinungsbild stärker als Italiener und Deutsche.

          Ein Mangel an Neugier und Phantasie

          In Familien werden nicht nur Unterlippen von Generation zu Generation weitergegeben, sondern auch Neigungen und Talente. Doch wenn der Anwaltssohn im BGB blättert, kaum dass er lesen kann, bezeichnet das „Ganz der Vater!“ der stolzen Großmutter nur einen Wunsch und Ehrgeiz. Eine Garantie des Erfolgs in der väterlichen Spur gibt es nicht. Trotzdem hat es immer Familien gegeben, die sich für etwas Besseres halten und sich im Besitz eines höherwertigen Erbguts wähnen. Früher bildeten diese Familien den Adel, dessen Angehörigen die Heirat mit Nichtadeligen verboten war.

          Rassismus ist die Weltanschauung von Leuten, die sich einbilden, die eigene Hautfarbe sei das Abzeichen des Adels der Menschheit. Bis 1967 gab es in sechzehn Bundesstaaten der Vereinigten Staaten Gesetze gegen schwarz-weiße Ehen. Die Gesetze konnten nichts daran ändern, dass die menschliche Gattung eine einzige große Familie ist, die sich fortpflanzt, indem zwei Menschen aus zwei Familien eine neue Familie gründen.

          Menschen suchen die Gesellschaft von ihresgleichen, fühlen sich unter Verwandten sicher und mehr oder weniger wohl. Rassisten überschätzen Abstammung und Ähnlichkeit. Sie glauben, dass sich Fleiß und Faulheit vererben. Das ist aber schon in der Kleinfamilie zweifelhaft. Rassismus ist das Produkt eines Mangels an Neugier und Phantasie. Die Vermutung, dass alle Weißen ähnlich denken, ist ein dummer Gedanke. Sie sehen ja auch nur so lange alle ähnlich aus, wie man nicht richtig hinschaut.

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