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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was das Problem beim Mikroplastik ist

Teilchen, die kleiner als fünf Millimeter groß sind, werden als Mikroplastik bezeichnet. Es gibt riesige Mengen davon, überall. Wie viel passt auf eine Fingerspitze? Bild: dpa

Wie Mikroplastik uns Menschen schaden kann, muss noch erforscht werden. Dass es Tieren schadet, steht allerdings fest. Aber Tiere könnten auch zur Lösung dieses Problems beitragen.

          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Im April dieses Jahres schockierte ein Video Millionen Menschen auf der ganzen Welt: Der britische Taucher Rich Horner ging an einem beliebten Spot vor der indonesischen Insel Bali mit seiner Kamera auf Tauchgang. Anstelle kristallklaren Wassers fand er einen nicht enden wollenden Strom aus Plastikmüll vor: Große und kleine Plastiktüten, Verpackungsfolien, Becher, Flaschen und anderer Dreck hatten eine Decke an der Wasseroberfläche gebildet, so dicht, dass nur wenig Sonnenlicht den Müllteppich durchdringen konnte. Die Strömung trieb Horner die Plastikteile ins Gesicht, während der Taucher einen Rochen filmte, der inmitten des Plastikwirbels einen recht traurigen Eindruck machte.

          Solche und ähnliche Bilder von in Fischernetzen verhedderten Robben, Schildkröten mit Plastiktüten über dem Kopf und qualvoll an Plastikteilen verendeten Vögeln und Walen füllen mittlerweile ganze Zeitungsseiten und Nachrichtensendungen – jedes Kind hat sie schon gesehen. An dem für alle Welt sichtbaren Problem hat sich längst eine Debatte entzündet, über zu viel Verpackungsmüll, schlechte Entsorgungssysteme und einen zu sorglosen Umgang mit dem Plastik. Doch es gibt eine Art von Kunststoff, die bislang weitaus weniger im Fokus stand, weil sie viel kleiner und damit für den Menschen schlechter sichtbar ist als klassischer Plastikmüll: das Mikroplastik. Mikroplastik ist deshalb aber nicht weniger verbreitet, im Gegenteil: Forscher haben herausgefunden, dass etwa dreimal so viel Mikroplastik im Umlauf ist, wie Verpackungen und andere „große“ Plastikteile.

          Doch was ist Mikroplastik überhaupt? Wie entsteht es? Und wie gefährlich ist es für die Natur, Tiere und Menschen? Bislang gibt es noch keine einheitliche Definition von Mikroplastik. Einig ist sich die Wissenschaft aber darüber, dass mit Mikroplastik Plastikpartikel gemeint sind, die kleiner als fünf Millimeter sind. Unterschieden werden dabei zwei Arten: Primäres Mikroplastik wird absichtlich von Menschen hergestellt, zum Beispiel zur Verwendung in Kunststoffprodukten oder in der Kosmetikindustrie, also etwa für Duschgels, Haarwachs und Peelings. Sekundäres Mikroplastik entsteht, wenn große Kunststoffteile durch äußere Einflüsse wie Sonnenlicht, Wellenbewegung, Reibung und andere Verwitterungsprozesse zerfallen. Das kann mitunter sehr lange dauern – eine PET-Flasche zum Beispiel hat eine Lebensdauer von über vierhundert Jahren. Ganz verschwindet das Plastik aber nie aus der Umwelt: Mikroplastikpartikel werden zwar kontinuierlich kleiner, können jedoch in der Natur nicht vollständig abgebaut werden.

          Alleine in Deutschland gelangen laut dem Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen jährlich etwa 330.000 Tonnen primäres Mikroplastik in die Umwelt, das sind etwa vier Kilo pro Kopf. Die Hauptquellen sind indes nicht die häufig diskutierten Kosmetikprodukte. Vor allem durch den Abrieb von Auto- und Fahrradreifen, sich beim Waschen von Textilien lösende Mikrofasern, Farben, Kunstrasenplätze und Schuhsohlen gelangen die kleinen Kunststoffkügelchen in die Umwelt. Wind, Abwasser, Klärschlamm und sogar Insekten verbreiten das Mikroplastik schließlich in der Natur. Dort wurde es schon überall nachgewiesen: In Flüssen, Seen, den Ozeanen, in Ackerböden, im Eis der Arktis, in Tieren – und zuletzt auch im Menschen. Im Oktober fanden Forscher aus Österreich zum ersten Mal Mikroplastik in Stuhlproben von Testpersonen. Die Studienteilnehmer kamen alle aus verschiedenen Ländern und ernährten sich ganz unterschiedlich – alle nahmen sie aber in Plastik verpackte Lebensmittel oder Getränke aus PET-Flaschen zu sich, aßen Fleisch oder Meeresfrüchte.

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