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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was die Athleten in Rio unter Druck setzt

So eine Enttäuschung: Der deutsche Judoka Karl-Richard Frey hat in Rio die Bronze-Medaille verpasst. Bild: Picture-Alliance

Dabeisein, heißt es bei Olympia eigentlich, ist alles. Aber die Athleten geben auch alles. Am meisten verlangen sie dabei selbst von sich. Doch sie müssen auch politische Erwartungen erfüllen.

          Druck? Den gibt’s immer, sagen Athleten, wenn man sie danach fragt. Auch bei den Sommerspielen in Rio ist das nicht anders. In der Regel beeilen sie sich, noch einen Nachsatz loszuwerden: „Den meisten Druck mache ich mir selbst.“ Spitzensportler leben davon, dass sie sich nach jeder Niederlage und auch nach jedem Erfolg weiterentwickeln wollen. Das gilt für alle, für die bekannten wie die unbekannten, die mit hohen Prämien und Sponsorengeldern gesegneten wie für diejenigen, die froh sind, ihr Sportlerleben halbwegs bezahlen zu können. Für den Golfprofi Martin Kaymer wie für die Silber-Schützin Monika Karsch.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Sie alle treibt ein Wunsch, ein Verlangen, vielleicht auch eine Sucht auf den Olymp: die Perfektion. Fünftausend Strafecken hat der Kapitän der Hockey-Nationalmannschaft, Moritz Fürste, in diesem Jahr schon im Training geschossen. Niemand hat ihn dazu auffordern müssen. Denn erfolgreiche Spitzensportler sind sich selbst gegenüber die schärfsten Kritiker, Fehleranalytiker, penibel, pedantisch. Selbst kurz nach großen Erfolgen halten sie sich so wieder auf Kurs: Wenn ich nicht weiter an mir arbeite, wird das nichts mit dem nächsten Schritt nach vorn und schon gar nichts mit dem nächsten Sieg. Stillstand ist Rückstand. Könnte der Druck größer sein?

          Über die Funktionäre zu Trainern und Sportlern

          Trotzdem macht nicht allein der Medaillengewinn glücklich. Die nüchterne Realität in der Wettkampfwelt bietet jedem halbwegs gescheiten Sportler die Chance, schon lange vor dem Wettkampf zu wissen, wie weit er kommen wird. Daran orientiert sich die seelische Balance. Wer sein gegenwärtiges Potential ausgeschöpft hat, kehrt fröhlich ins Olympische Dorf zurück, auch wenn es lange nicht zum Einzug ins Finale der Hundert-Meter-Läufer gereicht hat. Die Kunst liegt also darin, die eigenen Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren.

          Dass dies nicht so leicht ist, hängt mit der Illusion zusammen, die uns Sportler vorgaukeln wollen, wenn sie von ihrer Unabhängigkeit sprechen. Die meisten der rund 450 deutschen Athleten in Rio können ihren Sport nur mit Hilfe ihrer Verbände und mit den Zuschüssen der Stiftung Deutsche Sporthilfe betreiben. Die Verbände aber wiederum erhalten Gelder vom Bund, der den Leistungssport im Schnitt mit 150 Millionen Euro pro Jahr fördert. Außerdem bieten Bundeswehr und Polizei Sportförderprogramme für besonders talentierte Athleten. Im Gegenzug verlangen sie alle Medaillen. Gold für Geld sozusagen. Und weil Innenminister Thomas de Maizière die Gleichung nicht für ausgeglichen hält, hat er zuletzt für die Zukunft, für 2020 oder 2024, ein Drittel mehr Medaillen gefordert - bei gleicher finanzieller Unterstützung. Diesen Druck geben die Funktionäre weiter. Über die Trainer kommt er bei den Sportlern an. Denn von den Geldern des Bundes leben ganze Sportorganisationen bis hin zu den in der Regel schlecht bezahlten Coachs.

          Leistungen unterhalb der Medaillenschwelle

          Eine Goldmedaille dient also nicht nur zur Zierde der Nation, sondern sie kann auch Existenzen sichern. Schon entsteht ein Erfolgsdruck, der zur Manipulation verleitet. Das Staats-Doping, die Vergewaltigung von Sportlern und Sport, ist übrigens keine Erfindung der Russen, sondern eher der Deutschen. Der Zwangsmanipulation in der DDR stand eine staatlich tolerierte und teils geförderte westdeutsche Doping-Nester-Systematik mit Schwerpunkt in Freiburg gegenüber. Politiker haben im Kalten Krieg zusammen mit Sportfunktionären - hüben wie drüben - ständig auf die Rangordnung im Medaillenspiegel geschaut und behauptet, die Plazierung sage etwas über die Leistungsfähigkeit und Qualität einer Gesellschaft aus. Absurd.

          In der Charta der olympischen Bewegung ist von einem Wettkampf der Nationen keine Rede. Deshalb darf das IOC auch behaupten, Journalisten hätten den Medaillenspiegel erfunden. Um den Zuschauern die Frage zu erleichtern, ob ihre Athleten en gros Nieten oder Helden sind. Dabei gehen die Geschichten der Individuen verloren, von denen viele famose Leistungen unterhalb der Medaillenschwelle zu bieten haben. Angeblich setzt sich langsam der Gedanke durch, dass der Medaillenspiegel gar nichts zu sagen hat. Aber trotzdem schauen alle drauf. Der Druck, der alles kaputtmacht, lässt nicht nach.

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