https://www.faz.net/-i35-8zjut

Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was am Gaffen verständlich ist und was ein Problem

Hier stimmt wenigstens die Entfernung: Schaulustige Mitte Mai nach einem Verkehrsunfall auf der Berliner Stadtautobahn. Bild: dpa

Ob beim Busbrand auf der A9 oder beim Hochhausbrand in London: Wenn ein Unglück geschieht, schauen unweigerlich Leute zu. Das ist verständlich, aber auch gefährlich. Und kann unangenehm werden.

          2 Min.

          Du sollst nicht gaffen! Das steht zwar nicht in der Bibel und auch nicht ausdrücklich in der Straßenverkehrsordnung. Doch überall heben Politiker, Polizisten oder Feuerwehrleute den Zeigefinger und deuten vorwurfsvoll auf Gaffer,  die neugierig Unfälle oder Brände beobachten oder gar filmen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gaffen ist aber keinesfalls verboten. Als jüngst in London ein Hochhaus lichterloh brannte, haben Tausende in der britischen Hauptstadt und Millionen an den Fernsehern in aller Welt die Bilder des Schreckens schaudernd gesehen. Warum sind so viele Menschen von Unglücken gebannt, bleiben am Schauplatz stehen oder eilen manchmal sogar herbei, um das Geschehen mit eigenen Augen zu sehen?

          Es kommt auf jede Minute an

          Es ist die Neugierde und auch eine gewisse  Sensationsgier. Die Lust am Betrachten des Schrecklichen scheint ein Bedürfnis zu sein, das fest in der menschlichen Psyche verankert ist. Der  emeritierte Dortmunder Psychologie-Professor Bernd Gasch spricht von einem „tiefgründigen Trieb oder Instinkt“ und glaubt, dass viele Menschen einen Lustgewinn daraus ziehen, Unglücksorte aus nächster Nähe zu beobachten.

          Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen und Medien wie YouTube bedienen diese Sensationslust der Menschen. Unglücke wie Waldbrände, Erdrutsche oder Verkehrsunfälle wie jüngst der Brand eines Busse mit achtzehn getöteten Senioren auf der A9 nach einem Auffahrunfall sind für die Presse unverzichtbare Themen. Daran ist auch nichts auszusetzen, wenn durch die Berichterstattung nicht die Persönlichkeitsrechte der Opfer eines Unglücks verletzt und zum Beispiel voyeuristisch Tote oder Schwerverletzte abgefilmt werden.

          Gaffen wird allerdings zum Problem, wenn Schaulustige Rettungsarbeiten behindern. Nach einem schweren Unfall kommt es für Verletzte oft auf jede Minute an. Ob ein Opfer überlebt oder stirbt, hängt nicht zuletzt davon ab, dass Polizei und Helfer schnell und ungehindert an den Unfallort gelangen. Wer zufällig etwa bei einem Verkehrsunfall an Ort und Stelle ist, muss, so weit es geht, Hilfe leisten. Wer das nicht tut, kann bestraft werden, im äußersten Fall sogar mit Haft.

          Nicht nur verwerflich, sondern strafbar

          Auch die Behinderung von Rettungskräften wird geahndet. Es können hohe Bußgelder verhängt werden, insbesondere, wenn Gaffer sich aggressiv verhalten und sich den Anordnungen der Polizei oder der Feuerwehr widersetzen. Das kommt offenbar immer häufiger vor und ist denn auch der Grund dafür, dass das Gaffen von Verkehrsministern und den Oberen der Rettungsdienste so vehement verurteilt wird.

          Seit man mit Handys fotografieren und filmen kann, machen immer häufiger Schaulustige Aufnahmen von Unfällen und stellen diese nicht selten sogar ins Internet. Wenn Gaffer ihr Handy zücken und Opfer in ihren verletzlichsten Momenten aufnehmen, ist das nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch eine Straftat, die laut Gesetzt mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren geahndet werden kann. Hier gilt ganz eindeutig das Gebot: „Du sollst nicht filmen.“

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Isabel Schnabel ist eine profilierte Kennerin der Finanzmärkte und der Geldpolitik.

          Isabel Schnabel rückt auf : Eine Bereicherung für die EZB

          Isabel Schnabel ist Expertin für Banken und Finanzmärkte. Dennoch wird ihre Berufung in die EZB-Führung als Nachfolgerin von Sabine Lautenschläger nicht jedem gefallen. Sie hat sich schon deutlich positioniert.

          Brexit-Deal im Parlament : Ein Ping-Pong-Spiel mit ungewissem Ausgang

          Selbst wenn Boris Johnson bei der Abstimmung über seinen Brexit-Deal siegen würde, bedeutet das noch keinen Durchbruch. Auch das Oberhaus hat nahezu grenzenlose Möglichkeiten, die Beratungen in die Länge zu ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.