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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum wir eine Gänsehaut bekommen

Mitte Mai am Nordseestrand: Dass man eine Gänsehaut bekommt, wenn es frisch ist, braucht niemanden zu wundern. Bild: Picture-Alliance

Wir bekommen sie, wenn wir uns fürchten. Aber auch, wenn uns behaglich ist. Und selbst, wenn wir etwas Ergreifendes lesen – über Gänsehaut kann man staunen. Und man kann sie sogar erforschen.

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          Jetzt gibt es die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Auf die Frage, warum wir eine Gänsehaut bekommen, gibt es eine leichte und eine mittelleichte Antwort, dazu eine Vermutung und eine ganze Reihe weiterer Fragen, mit denen sich die Forschung immer noch plagt. In der einfachen Antwort geht es um den körperlichen Vorgang, der zur Gänsehaut führt: Dicht unter der Haut haben wir an den Haarwurzeln kleine Haaraufrichtemuskeln, und wenn sich die zusammenziehen, dann werden die kleinen Hauteinstülpungen, in denen unsere Haare wachsen, zu kleinen Erhebungen, deren Anblick an den einer gerupften Gans erinnert. Das kann nur da passieren, wo wir auch Haare haben, es müssen allerdings nicht viele sein. Und es passiert zum Beispiel, wenn uns kalt ist. Denn dann, das ist die mittelleichte Antwort, bleibt zwischen den kleinen Erhebungen und den aufgerichteten Härchen die vom Körper gewärmte Luft leichter da, wo sie uns wärmt. So weit, so einleuchtend.

          Aber auch wenn uns unheimlich ist, bekommen wir manchmal eine Gänsehaut. Das könnte, und jetzt kommt die Vermutung, noch ein Erbe von unseren Urururahnen sein und ursprünglich eine ähnliche Funktion gehabt haben wie manchmal bei Hunden und Katzen, denen unwohl ist: Ihr Fell sträubt sich, und sie wirken größer, respekteinflößender als mit anliegenden Haaren. Man sagt ja auch, jemandem stehen die Haare zu Berge, wenn sich einer ganz furchtbar erschreckt.

          Oder wenn einem etwas ganz furchtbar unangenehm ist. Zum Beispiel, wenn einer hören muss, wie ein Kreidestück auf einer Schultafel quietscht. Oder ein Messer auf einem Porzellanteller. Das könnte den gleichen Grund haben, ist aber schon ein Stückchen weiter weg. Und noch weiter weg ist der Zusammenhang zur körperlichen Reaktionen der Urmenschen auf mulmige Gefühle, wenn wir nur von solchen Geräuschen oder von gruseligen Situationen gehört oder gelesen haben. Doch auch das kann schon genügen für eine Gänsehaut.

          Und was damit noch gar nicht erklärt ist, ist die Gänsehaut in Momenten, in denen Katzen eher schnurren würden, statt das Fell zu bauschen. Wenn man uns ganz leicht den Rücken krault, so leicht, dass es ganz knapp nicht kitzelt, kriegen wir eine Gänsehaut. Aber auch, wenn etwas Ergreifendes passiert, wenn wir Leuten dabei zuschauen, wie ihnen etwas Großes gelingt, das ihnen sehr am Herzen liegt, wenn sie einen Langlauf gewinnen oder zwei einander wiedersehen, die lange Sehnsucht nacheinander hatten. Das macht uns auch ohne musikalische Untermalung manchmal Gänsehaut, aber wenn dann auch noch die richtige Musik … – schon geht’s los.

          Christian Kaernbach ist Deutschlands bekanntester Gänsehautforscher. Eigentlich ist er Emotionspsychologe, also einer, der besonders Gefühle untersucht. Er interessiert sich für die, wie er es nennt, „Horror-Gänsehaut“, die uns mit der Tierwelt verbindet und die wir im Lauf der Entwicklung zum Menschen behalten haben, auch wenn der heutige Mensch längst nicht mehr genug Haare hat, um sich wirkungsvoll aufzuplustern.  Noch spannender aber findet er den zweiten Typ. Christian Kaernbach glaubt, dass sie mit der Nähe oder Entfernung zwischen den Menschen zu tun hat. Menschen sind – so wie viele Tiere – aufeinander angewiesen und brauchen Nähe. Manchmal brauchen wir aber auch eher Distanz, so wie uns einmal zu warm, ein andermal zu kalt sein kann. In unserem Gehirn werden offenbar dieselben Bereiche, in denen die Temperatur geregelt wird, zum Regeln von Nähe und Distanz genutzt. Das passt zu Redewendungen wie „jemandem die kalte Schulter zeigen“ oder „jemandem einen warmen Empfang bereiten“.

          Bei den typischen Stellen in Filmen oder Büchern, die Gänsehaut auslösen, ist ihm aufgefallen, dass sie meist einen wehmütigen Charakter haben, oft sogar einen zwiespältigen: Freude über ein Wiedersehen vor dem Hintergrund langer Trauer. „Man bekommt keine Gänsehaut, wenn man seine Kinder wiedersieht, die man am Morgen verabschiedet hat, und das Wiedersehen war vorhersehbar“, sagt Kaernbach: „Aber wenn man sie nach Jahren der Trennung, nach Flucht oder Vertreibung, in einem Moment wiedersieht, in dem man längst nicht mehr damit rechnen durfte, aber doch insgeheim noch gehofft hatte, dann bekommt man Gänsehaut.“

          Aber wie tritt Gänsehaut eigentlich genau auf – gleichzeitig auf einem großen Hautbereich, oder breitet sie sich aus? Sieht sie, wenn man sie sich nur ganz genau anschaut, anders aus, wenn es eine Gänsehaut durch Frieren ist oder eine durch Gefühle? Was passiert in unserem Körper sonst noch, wenn wir eine Gänsehaut bekommen – schlägt zum Beispiel unser Herz schneller? Kann man vielleicht diese Unterscheidung von Horror- und „sozialer Distanz“-Gänsehaut vielleicht noch besser belegen? Was ist dran an der Redewendung, uns läuft „ein Schauer den Rücken hinunter“? Das ist eine Frage, die Professor Kaernbach besonders interessiert. Könnte man vielleicht wirklich einen Zeitverlauf „von oben nach unten“ nachweisen? Und würde der in etwa mit der Schnelligkeit vonstatten gehen wie bei Nerven? In der Gänsehautforschung gibt es noch viel zu tun.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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