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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum sich manche Leute besonders auffällig anziehen

Auf dem Wave-Gotik-Festival treten 200 Bands und Solokünstler an etwa 40 Orten in Leipzig auf. Bild: EPA

Eigentlich kann man doch heutzutage alles anziehen, oder? Warum sich Leute manchmal besonders kostümieren, was sie verbindet und warum sie sich treffen – zum Beispiel am Wochenende in Leipzig.

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Manchmal begegnen einem auf der Straße Menschen, die ganz anders gekleidet sind als die übrigen Passanten. Sie fallen auf. Und das ist gar nicht so einfach. Zwar gibt es mindestens genauso viele Leute, die etwas Besonderes tragen wollen, wie solche, die es lieber unauffällig mögen, aber wenn es zerrissene Hosen in jedem Klamottenladen gibt und ganz normale Leute wirklich alles tragen, vom Jogging- bis zum Business-Anzug, muss man sich schon Mühe geben, um aufzufallen. Vor allem, wenn man sich das Anderssein nicht einfach im Laden kaufen will.

          Manche machen das so: Sie tragen wallende Ballkleider mit einem eng geschnürten Oberteil, einen Zylinder, einen zerrissenen Frack oder knallrot gefärbte Haare, die an den Seiten abrasiert sind. Vielleicht sind ihre Lippen auch dunkel geschminkt und ihre Haut glitzert. Zuhause, in der Schule und bei Familienfeiern müssen sie sich wahrscheinlich oft die Frage anhören: „Wie siehst du denn aus?!“

          Dabei erübrigt sich diese Frage eigentlich bei vielen derart auffällig gekleideten Menschen. Denn mit ihrer Kleidung zeigen sie genau das, was sie dann nicht mehr erklären müssten: Dass sie einer Subkultur angehören, das heißt, einer kleinen Gruppe innerhalb der Gesellschaft, die über bestimmte Vorlieben zusammengefunden hat. Sie teilen zum Beispiel eine Art, sich zu kleiden oder einen Musikgeschmack.

          Subkulturen gab es schon vor weit mehr als hundert Jahren, und sie haben unsere Gesellschaft, unsere Mode und die Musikcharts stark geprägt – obwohl die meisten Leute erst einmal lieber nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Heute gibt es viele Subkulturen gar nicht mehr, weil sie mit dem Rest der Gesellschaft verschmolzen sind: Fast jeder nimmt ein bisschen an ihnen teil. Ein gutes Beispiel dafür ist der Hip-Hop, der fast dreißig Jahre lang von vielen eher misstrauisch beäugt wurde: Die tiefsitzenden Jeans der Rapper, die Liedtexte, in denen es oft um Gewalt und Drogen ging, und die Art, sich nicht um gesellschaftliche Regeln zu kümmern, schreckten viele normale Leute ab und machten ihnen Angst. Genauso war es beim Grunge, einer vor zwanzig Jahren berühmt gewordenen Musikrichtung, die viele mit dem früh verstorbenen Sänger der Band Nirvana, Kurt Cobain, verbinden. Oder mit den Skatern, die in kaputten Turnschuhen mit ihrem Board auf alles draufsprangen, was sich neben Bürgersteigen fand. Diese Subkulturen bildeten sich unter jungen Leuten, ihre Anhänger wurden mit den Jahren älter, bekannter und ein bisschen angepasster, und heute wundert sich niemand auf der Straße mehr über tief sitzende Jeans, Rap-Musik, Skater-Schuhe und zerrissene Hosen, wie sie Kurt Cobain trug.

          Aber das heißt nicht, dass Subkulturen komplett verschwunden sind, es gibt die auffälligen Menschen auf der Straße noch. Zum Beispiel jemand mit dem erwähnten schwarzen Ballkleid mit eng geschnürtem Oberteil, schwarzen Lippen und knallrot gefärbten Haaren. Wer so etwas trägt, ist wahrscheinlich eine Gothic-Anhängerin. Am Wochenende treffen sich Zehntausende solcher Leute, beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Sie feiern gemeinsam ihr Anderssein. In unserer heutigen Welt, in der wir jederzeit jede Musikrichtung hören können, in der wir Gerichte aus aller Welt essen und zwischen Tausenden T-Shirt-Designs wählen können, ist Individualität besonders angesagt. Aber egal wie einzigartig ein Mensch zu sein wünscht, ganz allein will er mit seinen Interessen und Vorlieben dann doch nicht sein.

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          An der Gothic-Szene kann man dieses Phänomen wie an sämtlichen Subkulturen gut beobachten. Hier sind sich alle in ihrer Andersartigkeit ähnlich. Das ist auch ein Unterschied zum Verkleiden aus der Kindheit oder zum Karneval: Es geht nicht alles bunt durcheinander, und jeder kann anziehen, was er will, sondern es gibt eine gemeinsame Richtung, gemeinsame Farben und Formen, eine gemeinsame Haltung. Gothic-Fans zum Beispiel interessieren sich oft für Themen, über die im Alltag wenig gesprochen wird, über die Vergänglichkeit, vielleicht auch über Tod und Trauer. Sie tragen gerne viel und dunkles Make-Up und oft nur schwarze Kleidung, die sich an vergangenen Jahrhunderten orientiert. Auf der Straße fallen sie auf, aber bei Treffen wie in Leipzig werden sie zu einer Gemeinschaft. Dann geben sie sich oft extra viel Mühe, schminken sich besonders sorgfältig Totenköpfe ins Gesicht oder nähen sich sogar einen Rock oder einen Anzug selbst. Sie nutzen die Kleidung ihrer Szene dabei auch, um sich zu verwandeln und sich vom Alltag und von den Konventionen zum Beispiel im Büro oder in der Schule zu entfernen.

          Mode ist immer auch ein bisschen Kostümierung, man fühlt sich anders, je nachdem ob man eine Jogginghose oder eben ein aufwändig besticktes Ballkleid trägt, und es ist schön, wenn man sieht, dass es anderen genauso geht und man sich im Alltag zwar besonders fühlt, aber irgendwo immer noch Menschen sind, die die gleiche Musik und die gleichen schwarzen Lippen tragen wie man selbst. Als der Mitteldeutsche Rundfunk den Kriminalbiologen Mark Benecke, der schon fünfzehn Mal auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig war, fragte: „Was ist so toll hier, dass Sie immer wieder kommen?“, antwortete er jedenfalls: „Einmal im Jahr nur lauter normale Leute ... das ist unglaublich entspannend.“

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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