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Wie erklär ich’s meinem Kind? : Wie man Schriftsteller wird

Streitthema: Hausaufgaben führen in vielen Familien zu Diskussionen. Bild: Picture-Alliance

Kinder erzählen gerne Geschichten, manche schreiben sie auch auf. Dass Erwachsene mit diesem Vergnügen sogar Geld verdienen, klingt sehr verlockend. Wie wird man denn überhaupt Schriftsteller?

          2 Min.

          Alle Texte, die etwas erzählen, sind Briefe. Wer etwas erzählt, stellt sich einen anderen Menschen vor, der es wissen will. Ich habe mit Geschichten über meine Freunde angefangen, über Melinas Angewohnheit, die Preisschilder der Hosen und Fotofilme aufzuheben, die sie sich kaufte, über Katjas Duplo-Sucht, über Olivers Schwester und ihr Kunst, über Claudias Angewohnheit, sich die Fußnägel im Freien anzumalen, auf der Veranda, nah am Waldrand, von wo aus ihr ab und zu ein Reh dabei zugeschaut hat.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Hätte man mir damals gesagt, dass das ein Beruf ist, solche Geschichten aufzuschreiben, hätte ich Angst davor gehabt, dass mich wer fragt, wie ich das rechtfertige, solche Sachen aufzuschreiben, wo sie doch eigentlich nur Melina, Katja, Oliver und Claudia betreffen.

          Inzwischen weiß ich, dass genügend Leute gerne Briefe anderer Leute an ganz andere Leute lesen, vor allem, wenn man Anrede und Unterschrift versteckt und das Ganze so schreibt, dass klar wird, dass sich eben auch Leute, die man gar nicht kennt, für Melina, Katja, Oliver und Claudia interessieren, aus ganz verschiedenen Gründen: Weil sie ähnliche Menschen sind wie meine Leute und auf diesem Umweg was über sich selbst herauskriegen können, weil sie ganz andere Leute sind und beim Lesen etwas Fremdes und Exotisches kennenlernen dürfen, oder weil die Geschichten manchmal ein bisschen gelogen sind und das Gelogene das Beste dran ist, das aber nirgends wohnen könnte, wenn ich nicht ein Haus dafür gebaut hätte aus lauter Einzelheiten, die eben nicht gelogen sind.

          Ein Beruf wird das Schreiben erst dann, wenn man nicht damit aufhört, sobald es anstrengend wird. Wie man anfängt und warum, wie man weitermacht und weshalb, das kann keine Schriftstellerin und kein Schriftsteller so sagen, dass daraus ein Rezept wird. Denn ginge das, wäre die einzige Entschädigung weg, die man dafür bekommt, dass der Beruf manchmal wirklich sehr mühsam ist. Diese einzige Entschädigung ist aber die Mühe wert, denn sie besteht darin, dass jede Schriftstellerin und jeder Schriftsteller jeweils ganz eigene Gründe dafür hat, mit diesem Beruf weiterzumachen, und dass „weitermachen“ beim Schreiben mehr als in den meisten anderen Berufen heißt: Immer wieder anfangen, als ob man das, was man da tut, gar nicht kann, als ob es das eben noch nicht gegeben hat, als ob man nicht nur das, was man schreibt, erfinden muss, sondern sogar die Maßstäbe dafür, mit denen man das Geschriebene, wenn es fertig ist, vergleicht.

          Es gibt wirklich kein Rezept, und gerade deshalb schmeckt das, was nach diesem Nichtrezept gekocht wird, manchen so gut, dass sie es nicht nur essen, sondern auch noch selber kochen wollen, weil sie finden, es kann davon nie genug geben. Das stimmt übrigens, es kann davon tatsächlich nie genug geben; auch wenn  immer wieder Kritiker vorkommen, denen nichts Originelleres einfällt als reinzuspucken.

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