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Wie erklär ich’s meinem Kind? : Warum unsere Haut verbrennt

Ja, da wären wir jetzt auch gerne, aber wir sitzen ja im Büro. Zumindest ist das gesünder für die Haut. Bild: dpa

Ist ein Sonnenbrand wirklich so gefährlich, oder übertreiben alle nur? Und was genau passiert, wenn die Haut den Feueralarm anstellt?

          2 Min.

          Herrlich, wenn die Sonne vom Himmel knallt, richtig? Aber könnt ihr euch vorstellen, dass wir diese herrliche Sonne auch extrem fürchten müssen? Mehr fürchten sogar, als uns allen lieb ist? Klar, keiner von uns kann und will sich in dunklen Höhlen verschanzen. Das Sonnenlicht brauchen wir, damit unser Körper das „Knochen-Vitamin“ D aufbaut. Wen die Sonne aber so richtig antörnt und wer sich in der Mittagssonne stundenlang ungeschützt grillt, muss damit rechnen, dass die Sonne ihr zweites, ihr grässliches Gesicht zeigt. Nicht plötzlich, wie ein Monster, sondern schön grausam und langsam werden wir flambiert: Unsere Haut verbrennt.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Sonnenbrand bei jungen Menschen ist, wenn er mehr als ein halbes Dutzend Mal bis zum Erwachsenwerden zuschlägt, ein ernster Strahlenunfall. Ein Großteil der Hautkrebsfälle von älteren Erwachsenen ist genauso gekommen: weil sie sich als Kinder ungeschützt in der Sonne grillen ließen. Wie genau das passieren kann, war lange nicht klar, obwohl viel an der Haut geforscht wird. Ganz sicher falsch aber sind einige Gerüchte, die immer noch kursieren: Um schön braun zu werden, damit die Haut den Farbstoff Melanin produziert, muss man gewiss keinen Sonnenbrand gehabt haben. Wer die Melaninproduktion vorsichtig ankurbelt, muss die Dosis der Sonnenstrahlen extrem vorsichtig dosieren, großzügig mit Sonnenschutzcremes und hohem Lichtschutzfaktor über zwanzig (am besten über dreißig) und immer wieder Sonnenpausen.

          Lichtwellen zerhacken das genetische Programm

          Der Sonnenschutz soll nicht das Sonnenlicht abschirmen, sondern nur den Teil der Sonnenstrahlung, den wir mit unseren Augen gar nicht sehen können: die ultravioletten Strahlen – kurz: UV-Strahlen. Sie sind extrem energiegeladen. Und sie sind die eigentlichen Auslöser für den Sonnenbrand. Denn sie dringen, anders als das sichtbare Licht, tief in die Haut ein. Dort, in der Epidermis, schlagen die UV-Lichtwellen ein wie ein Meteoritenhagel: Sie schlagen quasi Löcher in das Erbmaterial, die DNA, sie zerhacken also das genetische Programm und verursachen damit im schlimmsten Fall eine Art Softwarefehler in den Hautzellen.

          Normalerweise werden diese Programmierfehler repariert. Die Evolution hat uns darauf eingerichtet. Allerdings ist unser Reparaturbetrieb irgendwann überfordert. Viele Hautzellen sterben ab, einzelne aber überleben, und in diesen sammeln sich solche DNA-Fehler ein Leben lang an – bis das Genprogramm irgendwann bei weiteren Fehlern abstürzt und die betroffene Zelle wahllos zu wuchern beginnt. Krebs!

          Vorfahrt für Reparaturmoleküle

          Der Sonnenbrand ist der sichtbare Ausdruck, dass sich die Haut wehrt: In der Unterhaut wird eine Entzündung ausgelöst. Es werden viele neue, nützliche Moleküle produziert, die die kleinsten Blutgefäße in der Haut erweitern und damit eine Schnelltrasse für die Reparaturmoleküle bilden. Entscheidend dafür ist, und das weiß man erst seit kurzem, dass die UV-Strahlen auch Schnipsel von Ribonukleinsäuren (RNA) zerstören. Diese winzigen Verwandten unseres Erbmaterials DNA (Desoxyribonukleinsäure) kontrollieren unsere Gene. Wenn sie nun ebenso wie die DNA von den Ultraviolettstrahlen massenhaft zerhackt werden, aktivieren sie offenbar schädliche Gene. Und zwar immer mehr, je mehr Sonnenbrände auftreten, die später die überlebenden Hautzellen irgendwann zu Krebszellen umwandeln.

          Der Sonnenbrand selbst ist also gar nicht die eigentliche Gefahr. Er heilt auch meist schon nach ein paar Tagen, wenn abgestorbene Zellen an der Oberfläche abschuppen. Wirklich gefährlich ist der digitale Flächenbrand im Erbgut, der für uns unsichtbar in der Haut abläuft. Der Sonnenbrand ist nur die rote Lampe und schmerzhafte Sirene, unser in die Haut eingebauter Feueralarm. Er zeigt an, wenn die Sonne in unserem Genprogramm rumhackt. Wer also den Sonnenbrand vermeidet, ist ein moderner Held, zwei in eins: Brandbekämpfer und Datenschützer in eigener Sache.

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