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Wie erklär ich’s meinem Kind? : Warum Musiküben wichtig ist

  • -Aktualisiert am

Ich kann’s - Glück! Bild: Frank Röth

Mit dem Musiküben ist es manchmal wie verhext. Immer bleibt man an der gleichen Stelle hängen. Doch Dranbleiben lohnt sich. Musizieren wird immer leichter und verschafft einem ein ganz besonderes Gefühl.

          Musikhören ist leicht, Musikmachen fällt schwer. Eigentlich gibt es da kein Geheimnis. Mit dem Klavierüben (oder Geige- oder Celloüben usw.) verhält es sich ähnlich wie mit dem Trainieren beim Sport oder mit dem Lernen von Formeln, Fakten, Sprachen in der Schule. Alles Neue macht am Anfang Spaß. Getragen vom Feuereifer der Anfangsneugierde scheinen die Fortschritte uns erstmal von alleine anzufliegen. Aber allmählich wird es zäh. Nichts geht mehr voran, und am Montag klingt der Ragtime noch genau so scheußlich dumm und langweilig wie am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag.

          Das geht nicht nur Kindern so, auch Erwachsenen, nicht nur den Freizeit- und Hobbymusikern, auch den Hochbegabten mit absolutem Gehör, sogar den Profis. Man stochert in den Noten herum, bleibt immer wieder exakt an der gleichen Stelle hängen – auch wenn man sie hundertmal durchspielt, nichts bewegt sich. Und eines Tages ist es so weit, plötzlich bedarf es aller möglichen Tricks und lernpsychologischen Mantras, man braucht einen festen Stundenplan und einen Wecker, Belohnungen, Deals und Drohungen, um das zarte Pflänzchen des Musikmachens vor dem gänzlichen Verdorren  zu bewahren. Dieses Gefühl des Versagens kennt jeder Musiker. Dieser Kampf gegen sich selbst ist brutal. Ein prima Mantra hat, zum Beispiel,  die (ansonsten nicht gerade jugendfreie) Cartoon-Serie „BoJack Horseman“ anzubieten, das hängt bei uns daheim am Notenschrank. Ein alter, grauer Jogger tröstet den Pferdemann, der erschöpft am Rand des Weges liegt und nicht mehr weitertraben kann, er verspricht ihm, jeden Tag werde es ein bisschen besser gehen: „You got to do it every day. That’s the hard part. But it does get easier!“

          Der berühmte qualitative Sprung

          Und so ist es. Auch, wenn man subjektiv meint, es bewege sich gar nichts voran, Finger und Hirn, Muskeln, Sehnen und Synapsen sind trotzdem weiter aktiv. Vieles wird beim Musiküben leichter, nicht nur das Musikmachen. Es ist inzwischen neurobiologisch nachgewiesen, dass Musizieren die Ausbildung der rechten und linken Gehirnhälfte fördert, deren Verbindung stärkt, das sogenannte Corpus Callosum, außerdem räumliches Sehen, Wortgedächtnis und Syntaxverarbeitung fördert und vieles andere mehr. Musik bewegt das Unterbewusste, auch, wenn man sich selbst, im Wachzustand, wie der schlimmste Musikversager weit und breit fühlt. Und so gibt es, beim Üben, den berühmten „qualitativen Sprung“: Eines Tages spielt sich die verhexte Stolperstelle so flüssig, so leicht, als wäre sie nie verhext gewesen. Ich kann‘s! Glück!

          Es gibt allerdings doch ein paar wichtige Unterschiede zwischen dem Sporttraining und dem Musiküben. Beim Sport wachsen Muskeln, man fühlt sich, trotz Muskelkater, der ausgeschütteten Endorphine wegen, hinterher zuverlässig besser. Beim Musiküben fühlt man sich in der Regel hinterher genau so wie vorher.

          Ein guter Musiklehrer

          Dagegen gibt es kein Rezept. Aber es gibt, leider, immer noch viel falschen Musikunterricht und einseitig ausgebildete Musiklehrer, die sich auf den qualitativen Sprung verlassen und ein rein mechanisches Üben predigen, welches sinnlos ist, weil es den Fingern auch Fehler antrainiert. Eine halbe Stunde falsches Üben täglich kann viel Schaden anrichten, zehn Minuten richtiges Üben dreimal die Woche unendlich schnell voranbringen. Alle Musik findet ja zuerst im Kopf statt, dann in den Fingern.

          Der Komponist Hanns Eisler hat einmal gesagt: Wer nur etwas von Musik versteht, der versteht auch von Musik nichts. Das ist wohl wahr, und gilt auch für Musiklehrer. Woran erkennt man einen  guten? Daran, dass er dem Schüler zuhören kann, mit ihm mitdenken und über die Musik hinausdenken kann. Dass er nicht nur Fingersätze in die Noten schreibt, sondern sie auch manchmal ändert. Dass er konkrete Ratschläge parat hat, wie man verhexte Stellen enthexen könnte, indem man, zum Beispiel, einen anderen Fingersatz ausprobiert oder früher in eine andere Lage wechselt oder den Bogen anders einteilt. Dass er die Sprache der Musik erklären, nicht nur die schwarzen Notenkleckse, dass er in Bildern und Gefühlen spricht, nicht nur in Taktzahlen. Schon wird es leichter.

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