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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was die Demonstranten von „Pegida“ eigentlich wollen

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Die im Dunkeln: „Pegida“-Demonstranten am 15. Dezember in Dresden Bild: Arno Burgi/dpa

Jeden Montag demonstrieren Menschen in Dresden. Ihre Gruppe nennen sie „Pegida“. Was bedeutet das Wort, und welches Anliegen, welche Forderungen, welche Geschichte haben die Demonstranten?

          In Dresden gehen Montag für Montag Tausende Menschen auf die Straße, weil sie dagegen sind, dass in Deutschland muslimische Ausländer leben. Seit fast drei Monaten geht das schon so. Auch die Kälte hält sie nicht davon ab. Am ersten Montag im Neuen Jahr waren es so viele wie noch nie: 18.000 Demonstranten. Dabei gibt es in Dresden weniger Ausländer und viel weniger Muslime als in anderen großen Städten. Das ist auch schon das Eigenartigste: Dort, wo die wenigsten  Muslime leben, demonstrieren die meisten Menschen gegen sie. Offenbar haben sie Angst vor Fremden, die sie kaum kennen.

          „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ nennt sich die Gruppe, die die Demonstrationen organisiert - abgekürzt „Pegida“. Mit dem Wort „patriotisch“ wollen sie sagen, dass sie ihre Heimat lieben, also Deutschland. „Islamisierung“ heißt, dass Einwanderer die Kultur hier so sehr verändern könnten, dass man sich hier fühlen würde wie in einem islamischen Staat – dass es also etwa mehr Moscheen geben könnte als Kirchen, dass Frauen nur noch verschleiert auf die Straße gehen oder aber die religiösen Gesetze des Islams gelten. Dazu wird es aber hier nicht kommen. Es ist eine ziemlich übertriebene Angst. „Abendland“ ist ein Ausdruck für das christliche Westeuropa, die „Pegida“-Leute meinen damit aber vor allem Deutschland.

          Eigenartig ist auch, dass die Demonstranten „Nulltoleranz gegen kriminelle Ausländer“ fordern. Dabei ist einer der Gründer der „Pegida“-Bewegung selbst ein Krimineller; er saß wegen Einbrüchen und Drogen schon zwei Jahre lang im Gefängnis. Die „Pegida“-Leute meinen, dass Ausländer, die zum Beispiel stehlen oder betrügen, zügig und hart bestraft werden sollen. In Deutschland gelten aber gleiche Gesetze für alle, egal, ob sie Ausländer sind oder Einheimische. Polizei und Gerichte dürfen niemanden wegen seiner Herkunft benachteiligen. Die „Pegida“-Leute meinen aber offenbar, dass Ausländer vor Gericht manchmal zu gut wegkommen. Dafür gibt es keine Belege.

          Angst vor Veränderungen

          Auch in anderen Städten gibt es inzwischen ähnliche Demonstrationen. Zum Beispiel in Köln, wo viel mehr Muslime leben als in Dresden. Diese Demonstrationen hatten aber alle längst nicht solchen Zulauf wie die in Dresden. In Köln gab es auch ein pfiffiges Zeichen des Protestes gegen „Pegida“: Der Chef des Kölner Doms hatte entschieden, dass am Abend der Demonstration das Licht im und um den Kölner Dom ausgeschaltet wird. Statt der mächtigen alten Kirche, die die „Pegida“-Leute als Bühnenbild für sich nutzen wollten, sah man nur schwarz. Anderswo hat ein Pfarrer von der Weihnachtskrippe in seiner Kirche alle Figuren entfernt, bis auf Ochs und Esel. Denn er meinte: ohne Flüchtlinge, Juden, Syrer, Aramäer und ohne die drei Weisen aus dem Morgenland hätte die ganze Weihnachtsgeschichte nicht stattfinden können. Die Kirche macht mit diesen Zeichen  deutlich, dass sie Ausländerfeindlichkeit unchristlich findet.

          Viele denken, dass die „Pegida“-Demonstranten  Angst vor vielen anderen Dingen haben, nicht nur vor der angeblichen „Islamisierung“. Etwa davor, ihren Job zu verlieren. Oder dass ihre Rente eines Tages zu niedrig sein wird. Oder dass das Geld weniger wert wird und ihre Ersparnisse nicht ausreichen.  In Ostdeutschland sind auch fast 25 Jahre nach der Wiedervereinigung der beiden Teile Deutschlands die Löhne niedriger als im Westen (die Renten aber nicht). Die Arbeitslosigkeit ist in den östlichen Bundesländern mit etwa elf Prozent deutlich höher als in den westlichen Länder. Da liegt sie bei knapp sieben Prozent. Die Menschen in den östlichen Bundesländern haben mit dem Zusammenbruch der DDR einmal erlebt, wie sich ihre Lebensverhältnisse komplett verändert haben. Das war für viele schwer. Vielleicht haben sie deshalb Angst vor weiteren Veränderungen. Und tatsächlich verändert sich ja unser Land dadurch, dass zur Zeit viele Flüchtlinge zu uns kommen.

          180.000 Asylanträge wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gestellt. Das sind so viele wie seit zwanzig Jahren nicht. Viele Städte bauen Heime für die Asylbewerber, das kostet natürlich Geld. Die meisten dieser Asylbewerber sind vor Bürgerkriegen und schlechten Lebensbedingungen in ihrer Heimat geflohen. Viele kamen auf gefährlichen Wegen, manche sind nur knapp dem Tod entronnen. Viele haben  gesehen, dass religiöser Wahn zu schlimmer Gewalt führen kann: Etwa in Syrien, wo sich verschiedene muslimische Gruppen bekämpfen, oder im Irak, wo die Krieger der Terrorgruppe  „Islamischer Staat“ Unschuldigen den Kopf abhacken. Diese Flüchtlinge wollen sicher keine „Islamisierung“ Europas, sondern sind gerade froh, dem Einfluss islamischer Extremisten entkommen zu sein.

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