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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum sich manche Erwachsene im Urlaub so schlecht benehmen

Entspannung unter Druck: Menschenmassen am Strand – von Binz auf Rügen Bild: Picture-Alliance

Im Urlaub gibt’s ein Wiedersehen: mit schlechtgelaunten Erwachsenen, die sich aufregen, wo man sich eigentlich entspannen sollte – im Hotel, im Restaurant, am Strand. Das kann man erklären. Nur ihnen nicht.

          Die Kolumne „Wie erkläre ich's meinem Kind?“ gibt es auch zum Hören – und zum Abonnieren, als Podcast. Auch diese Folge.

          Endlich Ferien! Da packen die Leute ihre Koffer und fahren weg. Manche fahren weit weg, andere weniger weit. Aber alle Erwachsenen freuen sich darauf, endlich einmal nicht das machen zu müssen, was der Chef oder die Chefin sagt. Sie müssen sich keine Krawatten umbinden, sie müssen nicht höflich zu irgendwelchen Kunden am Telefon sein, sie müssen niemandem Kaffee kochen. Wenn die Menschen in Urlaub fahren, dürfen sie bequeme Kleidung tragen und sind niemandem etwas schuldig. Und meistens war der Urlaub auch noch ganz schön teuer und man hat lange darauf gewartet.

          Einerseits können sich die Leute also endlich einmal entspannen, aber andererseits sind sie fest entschlossen, sich unbedingt zu erholen, man hat ja schließlich dafür bezahlt. Und entspannt und fest entschlossen gleichzeitig zu sein ist fast unmöglich, wie auch ein Gummiband nicht gleichzeitig lose herumbaumeln und straff auseinandergezogen sein kann. Das ist ein Widerspruch.

          Weil so ein Urlaub ganz schön teuer ist und man lange darauf warten muss, planen die meisten Leute ihren Urlaub schon sehr früh und überlassen nichts dem Zufall. Gutes Hotel, sonnige Gegend, Strand in der Nähe. Schon im Februar gebucht. Und dann zwei Wochen Nichtstun. Was kann da schiefgehen? Leider kann eine ganze Menge schiefgehen. Wer fest entschlossen ist, sich zu entspannen, der stört sich manchmal schon an einer etwas lauten Kneipe in der Straße oder einer Baustelle in der Nähe. Überall auf der Welt gibt es dauernd Baustellen; nur dort, wo Menschen Urlaub machen, darf nie jemand bauen, aber die Hotels sollen trotzdem immer schön neu sein. Das geht nicht? Das stimmt, gut aufgepasst. Das geht wirklich nicht, das ist noch so ein Widerspruch.

          Menschen stören sich daran, wenn die Aussicht aus dem Zimmer nicht schön ist, wenn beim Frühstück der Lieblingskäse alle ist, wenn die besten Liegen am Pool schon belegt sind, der Kaffee nicht mehr ganz heiß ist und – auch schlimm – wenn die Leute im Ausland einen nicht verstehen, obwohl man doch schon so laut und langsam spricht. Ob das vielleicht an der Sprache liegt? Stimmt, wieder gut aufgepasst. All das sind aber für viele Urlauber Anlässe, sich aufzuregen und damit allen anderen um sie herum fürchterlich auf die Nerven zu gehen.

          „Unverschämtheit!“, wüten sie, „ich werde mich beschweren!“ Sie bekommen sehr schlechte Laune, und die Leute an den Nachbartischen dann leider auch. Ein Problem mit solchen Menschen im Urlaub ist, dass sie nicht wirklich verstanden haben, dass sie nicht der einzige Gast sind und sich nicht alles immer um sie drehen kann. Dabei haben sie so viel Geld bezahlt! Das stimmt natürlich, aber das haben alle anderen Gäste im Hotel ja ebenfalls.

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          Weil diese Menschen so fest entschlossen sind, sich zu entspannen, vergessen sie ganz, dass sie auch im Urlaub nicht völlig darauf verzichten können, Rücksicht auf andere zu nehmen. Gut, sie müssen keine Krawatte tragen und auch nicht höflich zu Kunden sein, und den Kaffee kocht auch jemand anderes für sie. Wer aber das ganze Jahr für den nervigen Chef Kaffee gekocht hat, der ist schnell auch selbst nervig, wenn mal jemand anderes Kaffee kocht. Der verteidigt seine wertvolle Entspannungszeit mit Klauen und Zähnen, und dem ist es egal, was andere von ihm denken. Der brüllt den Kellner an, wenn die Milch fehlt oder nicht warm genug ist, der breitet sich aus mit allen Taschen und Ellenbogen, die er hat. Der legt jeden Morgen das Handtuch auf die schönste Liege am Pool und wehe, das Bier ist zu warm.

          Was da zusammenkommt an Druck und Erwartung und Realität, das führt dazu, dass viele Menschen im Urlaub fürchterlich schlechte Manieren an den Tag legen. Dass sie am Büfett andere anrempeln, dass sie Hotelangestellte anbrüllen, dass sie glauben, einen Platz im Restaurant oder am Strand reserviert zu haben, dass sie entweder ständig herumlärmen oder sich über andere beschweren, wenn die nicht mucksmäuschenstill sind. Wenn es um ihr Vergnügen geht, verstehen viele Menschen halt keinen Spaß. Und das ist wieder wie mit dem Gummiband: Das ist ein Widerspruch. Meistens hilft es auch nicht, die Leute darauf hinzuweisen, dass sie sich unmöglich benehmen, sie werden nur noch lauter und unverschämter. Am besten ist es, man gibt dem Kellner ein ordentliches Trinkgeld, lächelt extra freundlich und ist genau der Gast, den man selbst gerne haben möchte, wenn man Kellner wäre. Sich von außen anzuschauen und sich vorzustellen, wie es wäre, mit einem selbst umgehen zu müssen, das schafft nicht jeder. Aber die, die es schaffen, sind meistens die höflicheren Menschen.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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